Ein später Vormittag am idyllischen nördlichen Rand von Hamburg. Wilfried B., 75, sitzt in seinem Büro im ersten Stock seines Hauses, Blick in die Natur. Acht Kilometer Luftlinie sind es von hier zum Flughafen. Alle paar Minuten rauscht eine Maschine über das Gebäude.

"Etwa jedes zweite Flugzeug, das in Hamburg landet, fliegt über unser Haus. 2017 waren es bis Ende November durchschnittlich 138 Maschinen am Tag, ab dem späten Nachmittag im Durchschnitt alle sieben Minuten eine. Wir haben im vergangenen Jahr das Dach isolieren und neue Lärmschutzfenster einbauen lassen, 80.000 Euro hat das gekostet. Seither hört man die Flugzeuge gedämpfter, aber man bemerkt immer noch sehr deutlich jede Maschine, selbst wenn der Fernseher läuft.

Doch mit der Lärmbelästigung am Tage haben wir uns abgefunden. Was wirklich stört, sind die Nachtflüge. Im Jahr 2017 sind so viele Flugzeuge nachts gelandet wie noch nie. Regulär dürfen Flugzeuge in Hamburg bis 23 Uhr landen, das ist schon lange. Danach gibt es aber noch bis 24 Uhr eine großzügige Regelung für verspätete Maschinen – das nutzen die Fluglinien immer stärker aus. Im Schnitt waren es in diesem Jahr täglich drei Maschinen zwischen 23 und 24 Uhr, in den Sommermonaten teilweise sogar fünf.

Sie müssen sich das so vorstellen: Sie liegen abends im Bett, sind gerade eingedöst, dann kommt eine Maschine. Sie wachen auf, ärgern sich. Dann können Sie nicht mehr einschlafen. Gerade wenn Sie sich beruhigt haben, kommt die nächste Maschine. Ich kann meist nicht vor Mitternacht schlafen, und morgens um sechs Uhr geht es wieder los mit dem Lärm.

Wir haben dieses Haus 1990 gekauft. Ich war damals Manager bei einem großen Konzern, wir waren schon fünfmal umgezogen. Ich hatte meiner Frau und meinen Kindern versprochen, dass Hamburg die letzte Station sein würde. Die Gegend hier ist wunderschön, das Haus war perfekt für uns. Wir haben uns schnell entschieden, im Nachhinein war das ein Fehler. Wir wussten, dass wir in eine Einflugschneise ziehen. Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass es hier immer lauter wird. Es gab damals deutlich weniger Landungen. Und vor allem war es abends viel ruhiger.

Der Hamburger Flughafen versucht, möglichst viele Billigfluglinien anzuwerben, die arbeiten unter großem wirtschaftlichem Druck. Je länger ein Flugzeug pro Tag im Einsatz ist, desto besser die Rendite – die wirtschaftliche Logik ist klar. Es wäre deswegen wichtig, dass die Politik konsequent reguliert. An anderen Flughäfen ist um 22 Uhr Schluss. In Hamburg nicht. Die Strafen für verspätete Flugzeuge sind so gering, dass sie nicht abschrecken. Die Fluglinien planen mit sehr kurzen Standzeiten an den Flughäfen, die sind oft nicht zu halten. Am Ende des Tages summieren sich die Verspätungen, und darunter leiden wir.

Fluglärm macht krank, das ist inzwischen wissenschaftlich belegt. Herzprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten sind typische Folgen von Fluglärm. Leider merke ich das auch. Ich hatte vier Herzinfarkte, seit wir hier leben. Dabei bin ich schlank, lebe gesund, spiele Golf, fahre sehr viel Fahrrad, mache lange Spaziergänge. Meine Ärzte sagen, ich habe eine hervorragende Kondition für mein Alter. Ich habe auch keinen Stress, ich bin seit fast 15 Jahren Rentner.

Von der Politik bin ich sehr enttäuscht. Immer wieder wurden Verbesserungen versprochen. Stattdessen wird der Lärm von Jahr zu Jahr schlimmer. Der Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks hat sich im Umweltausschuss für begrenzte Flugzeiten eingesetzt. Aber seit die Grünen in der Regierung sind, höre ich davon nichts mehr. Andreas Dressel, der SPD-Fraktionschef, hat dafür gekämpft, dass es weniger Verkehr über Volksdorf gibt, wo er selbst lebt. Heute spricht er davon, dass man die Flugzeiten nicht einschränken könne, weil das Arbeitsplätze gefährde.

Auch der Flughafen ist sehr kreativ darin, die Dinge schönzureden. Gern wird erzählt, dass die Flugzeuge der neuen Generation viel leiser seien. Ja, sie sind beim Start leiser. Aber bei der Landung hat sich der Lärm kaum verändert, und das betrifft uns hier überwiegend. Wenn man im Sommer im Garten sitzt, muss man das Gespräch für jede Landung unterbrechen. Wir haben gemessen: Es ist so laut, dass der Arbeitsschutz dafür Gehörschutz vorschreiben würde.

Klar, wir könnten hier wegziehen. Aber wir haben in dieses Haus investiert, unsere Freunde wohnen in der Nähe, wir leben gerne hier. Ich würde mir wünschen, dass es nach 22 Uhr ein komplettes Flugverbot gäbe. Ein Traum wäre es, wenn es eine gerechtere Verteilung der Flugrouten gäbe, wenn die Maschinen etwa mehrere Tage in der Woche auch über Alsterdorf/Hamm fliegen würden. Dies kann nur die Politik ändern. Doch ich habe wenig Hoffnung, dass mein Traum wahr wird.