Treffen in dem auf Anhieb anstrengenden, weil von Jazzmusik berieselten und von auf Serge Gainsbourg und Jane Birkin machenden Selbstdarstellern bevölkerten Hotel Michelberger in Berlin-Friedrichshain: Das macht Freude, dass schon nach wenigen Sätzen des Schauspielers klar ist, dass es keines dieser einfachen, gefälligen, auf Eintracht und freundliches Gelächter abzielenden Gespräche werden wird.

Zwei Ingwertee, bitte – das Bier ist dann in einer halben Stunde dran. Das wirklich gute, ganz anders als gewöhnliche Gesicht des Schauspielers Franz Rogowski: gelbgrüne Katzenaugen; die breite, wie gebrochen aussehende Nase; die Spalte in der linken Oberlippe, die den Mund nach oben zieht und immer leicht geöffnet hält und aus Franz Rogowskis Gesicht das Franz-Rogowski-Gesicht macht. Er trägt den für Berlin-Friedrichshain typischen Schnauzbart und eine Lederkappe, halb Glattleder, halb Wildleder, die man sich leisten können muss (eine Mischung aus Rosa von Praunheim, Scorpions, später DDR und frühen Rammstein). Franz Rogowski sagt den sofort einleuchtenden, Schärfe und Zunder bringenden Satz: "Gerne am Tisch sitzen, Sofas verblöden." Auf die gezielt harmlose, vom Interviewer zum Aufwärmen eines Gesprächs für geeignet befundene Frage, wo er an so einem Sonntagnachmittag im Dezember gerade herkomme, erzählt er von einem E-Casting, der billigsten Form des Castings, bei der der Schauspieler ein Video zu Hause produziert und einschickt, und von seiner Sportart, dem Bouldern, einer Klettertechnik ohne Seil auf Absprunghöhe.

Oh Mist – da ist er schon, der gerade, tief aus seinem Körper kommende und zum Innehalten zwingende Blick des Schauspielers, mit dem er in Filmen ganze Szenen und den Fluss der Handlung zum Stottern und zum Stillstand bringen kann. Dieser Blick sagt – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig: "Lass uns, bloß für einen Moment, mit dem ganzen Unsinn, der attitude, den Übertreibungen, Scheinheiligkeiten und Lügen aufhören und nur das nehmen, was wirklich da ist." Und Franz Rogowski, der Typ mit dem Ingwertee in der Hand, erklärt: "Ich hoffe, wir sprechen nicht nur über mein Privatleben, sondern auch über meine Arbeit. Tut ja nichts zur Sache, wo ich jetzt gerade herkomme."

Es gibt im Kino und in der Popkultur ja immer die eine Figur, über die gerade alle ein bisschen mehr wissen wollen, weil sie an zwei, drei Stellen auf am besten irritierende und sperrige Art auftaucht – diese Figur ist zu Jahresbeginn der Schauspieler Franz Rogowski, 31 Jahre alt, geboren in Freiburg, aufgewachsen in einem großbürgerlichen Haushalt in Tübingen (der Vater ist Kinderarzt, die Mutter Hausfrau, nicht fehlen darf an dieser Stelle die Information, dass der Großvater mütterlicherseits der ehemalige BDI-Präsident Michael Rogowski ist). Während Theaterengagements in Stuttgart, an der Berliner Schaubühne, an den Münchner Kammerspielen kommt die Kinokarriere mit dem Film Love Steaks (2013) und dem Sebastian-Schipper-Film Victoria (2015 beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet) in Gang.

Wenn Franz Rogowski ein Problem hat, dann nur, dass er in diesen Wochen und Monaten fast in zu vielen Filmen gleichzeitig oder hintereinander auftaucht: Zuletzt war er als Sohn von Isabelle Huppert in Michael Hanekes Happy End und als triebgesteuerter Frauenhasser in Jan Henrik Stahlbergs Fikkefuchs zu sehen. In dieser Woche läuft Daniel Wilds Film Lux – Krieger des Lichts an, erneut eine ziemlich abgefahrene und vielleicht zu ambitionierte Gesellschafts- und Mediensatire, die ganz auf die Präsenz und Strahlkraft ihres Hauptdarstellers setzt: Rogowski spielt einen postmodernen Superhelden, der mit Maske und Ledermantel im Berliner Kiez unterwegs ist und Essen an Obdachlose verteilt, er wird zum Objekt von Fernsehleuten, die mit dem Weltverbesserer ein zynisches Spiel treiben und ihn zum Social-Media-Star aufbauen – zum Ende dieser Berliner Truman Show wissen weder Hauptfigur noch Zuschauer, was Inszenierung und was Wirklichkeit ist.

Bei der diesjährigen Berlinale im Februar wird außerdem Thomas Stubers Verfilmung der Clemens-Meyer-Erzählung In den Gängen laufen (Rogowski neben Sandra Hüller und Peter Kurth). Als für den deutschen Schauspieler wichtigster Start in diesem Kinojahr aber muss Christian Petzolds Verfilmung des Anna-Seghers-Romans Transit gelten (Paula Beer und Franz Rogowski in den Hauptrollen) – derzeit noch ohne Starttermin, wird der Film als Kandidat für die Berlinale und für die Filmfestspiele in Cannes gehandelt. Im internationalen Fach hat der Schauspielstar außerdem ein Kriegsdrama des seit Badlands (1973) als Kultregisseur verehrten US-Autorenfilmers Terrence Malick (mit seinen deutschsprachigen Kollegen August Diehl und Bruno Ganz) im Programm. Gerade abgeschlossen sind Dreharbeiten mit der Berliner-Schule-Regisseurin Angela Schanelec.

Da soll er nun, der innerhalb weniger Monate mit den Großen und Weltberühmten der Filmbranche gearbeitet hat, eine Erklärung liefern für seinen Erfolg: wie bitte das? Er sagt, angenehm distanziert, die Sätze auf, die erfolgreiche Schauspieler für gewöhnlich sagen: Es sei schön und wohltuend, gesehen und eingesetzt zu werden. Als intelligenter Mensch bleibe man aber Skeptiker: "Wenn es mal gut läuft, fühlt man sich nicht unbedingt wohler." Die Anfragen von Michael Haneke und Terrence Malick erreichten das Ensemble-Mitglied der Münchner Kammerspiele und den angehenden Filmschauspieler praktisch zeitgleich, und natürlich hatten beide Angebote etwas Irreales: "Es war fett, es war next level. Bei diesen großen Namen gehen einem erst mal die Augen auf, die Temperatur steigt, man schnaubt und kriegt ein bisschen Schaum vor den Mund." Lustig, das klingt, so wie er das jetzt schildert, gleich wieder ironisch, fast ein wenig albern. Fazit nach den Dreharbeiten mit Haneke und Malick: "Du gehst da mit einer bestimmten Erwartung hin. Und kommst – eben weil diese beiden zwei so erfahrene und eigenwillige Künstler sind – im besten Sinne enttäuscht und geläutert zurück. So empfinde ich meinen Weg schon lange: Ich sammle Enttäuschungen und sehe so klarer, weil mir Täuschungen genommen werden." Moment mal, hat ihm der Auftritt bei den Filmfestspielen in Cannes im Frühjahr letzten Jahres wenigstens einfach Spaß gemacht? "War schön, klar." Viel abgeklärter hat man einen deutschen Schauspieler selten über das wichtigste Filmfestival der Welt reden hören. Die Partys auf den Jachten, mit denen alle Welt Cannes verbinde, hätten ohne ihn stattgefunden: "Es ist ein von Photocalls und Warten in Limousinen geprägtes Event zur Vermarktung von Filmen."