"Sehr geehrte Kunden! Wir öffnen Kasse zwei für Sie!" Ankündigungen dieser Art setzen, wie man weiß, jegliche mühsam über Jahrhunderte antrainierte Zivilisiertheit binnen Sekunden außer Kraft. Das schien auch hier in einem Hallenser Supermarkt, wo ich, von einer kleinen Reise zurückkehrend, mit ein paar Silvestereinkäufen im Körbchen in der Kassenschlange wartete, nicht anders zu sein: Nachdem all die Leute, die bis dahin hinter mir angestanden hatten, an mir vorbeigestürmt waren, um an Kasse zwei auf den ersten Platz zu stürzen, hatte ich Zeit, meine Umgebung samt dem neuen Kassierer zu studieren – ein junger Mann, Anfang zwanzig vielleicht, dunkelhaarig, ohne erkennbaren Haarschnitt, ein Rest Kindlichkeit im Gesicht. Er wäre als gänzlich unauffällig durchgegangen, hätte er nicht ein Verhalten an den Tag gelegt, das in deutschen Großstädten fast schon verdächtig erscheint: Er strahlte Frohsinn aus. Natürlichen Frohsinn. Kein Kundendienstgegrinse – damit das gleich klar ist.

Mit der Kollegin an der Nachbarkasse wurde lauthals über Harry Potter gescherzt, mit diesem oder jenem Kunden entspann sich ein freundliches Gespräch – Geplänkel nur, sicher, aber eben auch wunderbare Psychohygiene. Dem Herrn direkt vor mir teilte er – Butter, Schnaps und Marillenknödel behände übers Band ziehend – offenherzig mit, er freue sich so sehr auf das Entrecote am Wochenende bei seiner Mutter. Ihm laufe jetzt schon das Wasser im Mund zusammen.

Um ehrlich zu sein: Obwohl ich auf Anhieb nicht hätte sagen können, worum es sich bei diesem geheimnisvollen "Entrecote" genau handelte, fand ich es irgendwie entwaffnend. Im ausklingenden 2017, einem Jahr, das der Verrohung im Netz und im Netto, den Hetz- und Hasskommentaren, dem Wachstumswahn und der Selbstoptimierung und auch der allgemeinen Verzweiflung über den Zustand der Welt nicht viel entgegenzusetzen hatte, freute sich ein junger Mann offenbar aufrichtig und arglos auf seine Leibspeise bei der Mama.

Vielleicht war die Hoffnung doch noch nicht ganz verloren.

Ich musste an meine Lieblingskassiererin zu Hause in Leipzig denken. Im Konsum an der Ecke, der neuerdings von sieben bis neun geöffnet hat – anderthalb Stunden länger als bisher. Damit wir Kunden es noch besser haben. Meine Lieblingskassiererin klagt nicht. Nie! Eine Seele von Mensch – so nennt man doch solche Zeitgenossen, oder? Ich weiß noch, wie sie mir im September vor dem Wahlsonntag – ich war schon fast zur Tür hinaus – noch zurief: "Und morgen Wählen nicht vergessen! Aber nicht die Falschen bitte. Wir wollen doch nichts Schlimmes wiederholen in Deutschland." Ganz politikunverdrossen. Manchmal ist sie erkältet, manchmal erzählt sie von ihrem Jüngsten, einem Fünftklässler, der in der Schule hie und da Mist baut. Wie es Fünftklässler halt tun. Mein Kind stellt sich freiwillig an der längeren Kassenschlange an, damit wir bei "der Netten" bezahlen können. Ich finde das nicht weniger als großartig.

Immer aber, wenn ich von solchen Menschen erzähle, kommt alsbald irgendeiner aus der Deckung und schüttelt verständnislos den Kopf: Woraus sich meine Begeisterung über so was – bitte schön – denn speise, das sei doch schließlich deren Job!

Mich ärgert dieser Satz.

Derartige Sätze hallen ungut in mir nach. Weil ich nicht hineinkriechen kann in jene fremden Gedankengänge, die den Mitmenschen zum reinen Pflichterfüller herabwürdigen: Du erfüllst eine tägliche Aufgabe, du kriegst Geld dafür, damit du dich selbst am Leben und Laufen halten kannst, ergo: Halt die Klappe. Vor allem darüber, ob die Aufgabe dich belastet oder ob du mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen hast.

Das ist bei uns offensichtlich Common Sense.

Gleichzeitig vielleicht aber auch der Grund, warum so viele am Kommerz-Happening teilnehmen, die Payback-Karte fürs große Glück besitzen wollen, dem kleinen Glück aber einen Fußtritt verpassen. Wer diesem kleinen Glück aber einmal mit weniger Anspruchshaltung begegnet (also nicht: "Mach gefälligst deinen Job!", "Wie ist der Name Ihres Vorgesetzten?" oder "Ich will nicht wissen, warum du Bäckereiverkäuferin hier im dünnen Stöffchen bei geöffneter Ladentür im Januar und mieser Bezahlung nicht so richtig fröhlich bist, wenn ich dir missmutig meine Bestellung entgegenplärre ..."), erhält manchmal sogar ein dickes Lächeln aufs Heiterkeits-Konto für den Tag. Oder ein freundliches "Latte macchiato und eine Brezel – wie immer?" zur Begrüßung. Oder er lernt, was ein "Entrecote" ist.

Vielleicht sollte man ihnen 2018 ein, zwei Blicke mehr schenken – jenen Leuten, die einfach nur ihren "verdammt einfachen" Job machen, und zwar täglich: im Jugendamt. Beim Bäcker. Nachts an der Tanke. Frühmorgens am OP-Tisch. Die in der Behindertenwerkstatt andere anleiten und ihnen Mut geben. Die an der Supermarktkasse sitzen. Die Notarzteinsätze fahren. Die Obdachlosen-Zeitungen verkaufen. Die Krebsmedikamente entwickeln. Die Omas pflegen (ihre eigene und fremde). Die uns den Müll wegfahren, den wir in großen Haufen produzieren. Die für uns Bücher schreiben. Die uns den Herd reparieren. Die uns mit Musik emporheben. Oder mit ihrer Schauspielkunst. Die pflügen und Mist ausbringen. Die alle ihren Job machen.

Sollte man all denen nicht verdammt viel öfter mal auf die Schulter hauen und sagen: "Alter Falter, ihr seid bewundernswert! Alle! Ein Leben ohne all das, was ihr täglich macht, wäre nicht das, was wir uns wünschen."

Die machen doch alle nur ihren Job?

Da will ich widersprechen: Die machen unser Leben.