Dass sie es immer vermieden habe, an sich herunterzuschauen, wenn sie nicht angezogen war, heißt es über Fanny an dem Tag, als sie von der Geburt ihrer Enkeltochter erfährt. Dabei hätte sie allen Grund dazu gehabt, denn sie war einmal sehr schön. Aber für Fanny schickt sich solch vermeintlich eitles, selbstverliebtes Gebaren nicht, genauso wie sie als junge Frau ihre prächtigen Kleider nur dann angezogen hat, wenn ihr Mann sie zum Tanz ein paar Dörfer weiter ausgeführt hat, wo niemand sie kannte, und ähnlich wie sie in späteren Jahren, bereits ergraut und längst verwitwet, nicht mittratschen wollte, wenn die Freundinnen im Café über die psychischen und physischen Schwachstellen ihrer Männer plauderten. Das tut man nicht. Darüber spricht man nicht. Das geht niemanden etwas an.

Die 1984 in Salzburg geborene Laura Freudenthaler erzählt in ihrem Debütroman Die Königin schweigt über eine in der Zwischenkriegszeit geborene Frau, die zeitlebens hart und klaglos gearbeitet hat und für die Verzicht zur Tugend und das Aufrechterhalten der geordneten Verhältnisse nicht nur zur Maxime, sondern zur lebensstrukturierenden Kraft geworden ist. Fanny, die auf dem elterlichen Bauernhof in der österreichischen Provinz aufgewachsen ist und durch die Heirat mit dem zugezogenen Lehrer für einige Jahre, bis dieser tödlich verunglückt, zur angesehenen "Schulmeisterin" wird, mag ein besonders schwerer Fall einer Frau sein, die das Absehen von sich selbst perfektioniert hat. Symptomatisch für eine bestimmte Frauengeneration ist sie allemal.

Wäre es möglich, Fanny zu fragen, sie würde sich vermutlich sogar dagegen verwehren, als Protagonistin dieses gerade in seiner Zurückgenommenheit eindringlichen Romans zu gelten. Die Protagonisten, die Handelnden, das sind in ihrem Leben die anderen. Ihre Aufgabe versteht sie vornehmlich darin, auf diese anderen zu warten, oftmals vergeblich: Da ist der Bruder, der in den Krieg geht und nicht wiederkommt. Da ist ihr Mann, von dem sie nur als "der Lehrer" spricht und der irgendwann anfängt, bis spät im Wirtshaus und auf Parteiversammlungen zu bleiben, während sie wach im Bett liegt und hofft, endlich seine Schritte unter dem Fenster zu hören. Da ist der Sohn, der sich ihr zunehmend entzieht.

Und so weigert Fanny sich freilich auch, ihre Erinnerungen in das Buch zu schreiben, das die Enkeltochter der einsamen, siechen Frau schenkt, die schließlich auf kaum etwas anderes mehr warten kann als auf einen der seltenen Besuche der Pflegetochter und den eigenen Tod.

Aber auch wenn sie sich die Erinnerungen vom Leib halten will, sie verschaffen sich eben doch Gehör, unversehens tauchen die vielen Toten und die Verluste wieder auf in diesem Zustand zwischen Wachen, Dösen und unruhigem Schlaf, in dem die Tage der alten Frau in dem bedrückend stillen Haus vergehen, ohne dass sich der vorangegangene vom darauffolgenden unterscheiden wollte.

In knappen, selten anderthalb oder zwei Seiten überschreitenden Abschnitten lässt Laura Freudenthaler Fannys Leben noch einmal Revue passieren. Der Autorin genügen fein gesetzte Motive, um die Dynamik dieses Daseins genauso ins Bild zu setzen wie dessen Tragik.

Wenn Fanny als Kind an ihrem Lieblingsplatz unter der Küchenbank hockt oder nachts den Kopf gegen das Holz des Bettrahmens presst, dann geben ihr nur die äußeren Begrenzungen Halt. Später wird die immerzu von ihr aufgerufene Ordnung eine ähnliche Funktion erfüllen. Auch die zwischenmenschliche Kluft, die innerhalb der Dorfgemeinschaft genauso wie in der Familie besteht, muss nur darüber angedeutet werden, dass Fanny die Verfasstheit etwa des Vaters an dessen Rücken meint ablesen zu können. In die Augen schaut man sich hier nicht.