Berlin, Bahnhof Friedrichstraße. An einer gefliesten Säule sehe ich eine herrenlose Reisetasche auf dem Boden stehen. Niemand sonst scheint die Tasche zu bemerken. In meiner Nähe, an einer anderen Säule, zwei Uniformierte. Sicherheitsmänner der Bahn offenbar. Ich gehe zu ihnen.

Ich: Entschuldigung?

Die ins Gespräch vertieften Sicherheitsmänner reagieren nicht.

Ich: Entschuldigung, darf ich Sie mal stören?

Die Sicherheitsmänner unterbrechen ihr Gespräch und blicken mich an.

Ich: Da drüben steht eine Reisetasche.

Sicherheitsmann 1: Wo?

Ich: Gleich neben der Säule.

Sicherheitsmann 2: Was für eine Säule?

Eine größere Gruppe von Reisenden durchquert die Halle, die Tasche ist nicht mehr zu sehen.

Ich: Da drüben. An der Säule. Da, wo die Leute vorbeigehen. Nicht weit vom Zugang zur S25 nach Teltow.

Sicherheitsmann 1: Die S25 fährt unten. Die Treppe runter.

Sicherheitsmann 2: Nach Teltow und Hennigsdorf.

Ich: Ich weiß.

Sicherheitsmann 1: Die S1 und S2 auch. Alles unten.

Sicherheitsmann 2: Die Toiletten sind auch eine Treppe runter. Aber auf der anderen Seite vom Bahnhof.

Ich: Ich weiß.

Sicherheitsmann 1: Und Sie brauchen Kleingeld.

Ich: Sind Sie von der S-Bahn?

Beide schauen mich an.

Ich: Oder wovon sind Sie?

Sicherheitsmann 1: Was meinen Sie mit "Wovon sind Sie"?

Ich: Ob Sie hier arbeiten.

Sicherheitsmann 2: (spricht zu mir, aber sieht dabei seinen Kollegen an) Nee, wir verbringen hier unseren Urlaub.

Sicherheitsmann 1 lacht hämisch.

Ich: Sie sind doch Wachmänner oder Sicherheitsleute oder wie sich das nennt.

Sicherheitsmann 1: Nun beruhigen Sie sich mal.

Ich: (gereizt, aber sachlich sinnlos) Beruhigen Sie sich lieber.

Sicherheitsmann 1: Wir sind ganz ruhig.

Ich: Ja, eben.

Sicherheitsmann 2: Was war jetzt Ihr Anliegen?

Ich: Dahinten steht eine Reisetasche.

Sicherheitsmann 1: Wo?

Ich: An der Säule.

Sicherheitsmann 2: Jetzt sehe ich sie auch.

Sicherheitsmann 1: Ich auch.

Sicherheitsmann 2: Eine Sporttasche.

Ich: Reisetasche.

Sicherheitsmann 1: Und?

Ich: Sie sind gut. Eine herrenlose Reisetasche. Was heißt denn da "und"?

Sicherheitsmann 2: Und heißt und.

Ich: Wollen Sie nicht mal nachschauen?

Sicherheitsmann 1: Die steht da noch nicht lange.

Sicherheitsmann 2: Und die bleibt da auch nicht lange stehen.

Ich: Das ist alles?

Sicherheitsmann 1: Die ist gleich weg, die Tasche.

Sicherheitsmann 2: Wenn überhaupt was drin ist.

Sicherheitsmann 1: Außer Müll.

Sicherheitsmann 2: Genau.

Sicherheitsmann 1: Dann bleibt die stehen.

Sicherheitsmann 2: Dann wird die heute Nacht vom Reinigungspersonal abgeholt. Wie der restliche Müll auch.

Sicherheitsmann 1: So ein Bahnhof ist nämlich ein Müllabladeplatz.

Sicherheitsmann 2: Da bleibt sonst was liegen.

Ich: Auf dem Flughafen Tegel wäre längst jemand gekommen.

Sicherheitsmann 1: Wer sollte denn da kommen?

Sicherheitsmann 2: Wir sind ja hier.

Ein Funkgerät schnarrt, und eine quäkende Stimme spricht.

Sicherheitsmann 1:(spricht ins Funkgerät) Kein Problem! Machen wir! Ja, sofort!

Sicherheitsmann 2: Der Chef.

Sicherheitsmann 1: Wer sonst.

Ich: Und?

Sicherheitsmann 1: Was und?

Ich: Untersuchen Sie jetzt die Tasche?

Sicherheitsmann 2: Welche Tasche?

Ich: Die Reisetasche.

Sicherheitsmann 2: Wir müssen los. Der Chef.

Sicherheitsmann 1: Und Sie beruhigen sich mal besser.

Die beiden bleiben an ihrer Säule stehen, beachten mich aber nicht weiter und setzen ihr Gespräch fort.

Ich bleibe ebenfalls stehen. Stehe hier immer noch. Die Tasche ist auch noch da.