Gewerkschafter sind links. Oder etwa nicht? 15 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer haben bei der Bundestagswahl die AfD gewählt, im Osten waren es sogar 22 Prozent. Ein Selbstbild gerät ins Wanken.

Denn natürlich sehen sich die Gewerkschaften als Kraft der politischen Linken. Wir, die Kämpfer für internationale Solidarität. Wir, das Bollwerk gegen Rechts. So heißt es in den Reden der Funktionäre, so steht es in den Grundsatzprogrammen – und so war es lange Zeit auch. Doch immer mehr Mitglieder fühlen sich von diesen Appellen nicht mehr angesprochen. Zwischen Führung und Mitgliedern wächst die Distanz. Verunsicherung breitet sich aus.

Denn längst geht es nicht mehr bloß um ein Wahlergebnis, das am Selbstverständnis der Gewerkschaften kratzt. Es geht um die Rolle der organisierten Arbeiterschaft in der Gesellschaft, um Richtungsentscheidungen und Grundsatzfragen: Was heißt es, Arbeiter zu sein, was bedeutet Solidarität? Wer ist Verbündeter, wer Gegner? Und wo verlaufen die Fronten?

Das Büro von Thomas Knabel liegt im vierten Stock eines schmucklosen DDR-Baus in Zwickau. Fünf Stühle, ein Tisch, ein Wandkalender. Draußen donnern die Züge über die Bahntrasse vor dem Gewerkschaftshaus, drinnen sitzt Knabel, verschmitztes Lächeln und Schraubstockhändedruck, an seinem Schreibtisch.

Nein, überrascht habe ihn das Ergebnis bei der Bundestagswahl nicht, sagt er. "Ich kenne ja die Stimmung in den Betrieben." Der 45-Jährige leitet die Geschäftsstelle der IG Metall in Zwickau, ist verantwortlich für 25.000 Metaller. Hier in Ostsachsen, wo im September jeder Dritte die AfD wählte. Er spricht über die niedrigen Löhne in der Region, die Arbeitsbedingungen, die Wut vieler Leute, auch über ihre Ressentiments. Ein Gemisch, das seit Jahren untergründig brodelt. Und nun an die Oberfläche tritt. "Viele Leute hier sind zwar Mitglied in der Gewerkschaft, aber in politischen Fragen überhaupt nicht mehr auf unserer Linie", sagt er. "Und wir müssen uns fragen: Wie gehen wir damit um?"

Rechtsruck. Das Wort fällt immer wieder, wenn man in diesen Tagen mit Gewerkschaftern, mit Funktionären in den Geschäftsstellen, Betriebsräten, Vertrauensleuten aus kleinen und großen Unternehmen in West und Ost spricht. Sie erzählen von alltäglichen Begebenheiten, an denen man merke, wie sich das Klima verändere. An den fremdenfeindlichen Fotos, die in WhatsApp-Gruppen kursierten, an den Kommentaren in der Mittagspause, irgendwo zwischen Häme und Hetze, die unwidersprochen blieben. Daran, dass sich Kollegen plötzlich weigerten, Anti-AfD-Flyer zu verteilen, dass sie sich wegdrehten, wenn ein Betriebsrat mit ihnen über Politik sprechen will, abwinkten, die Arme verschränkten. Viele wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, wenn sie davon erzählen, dass in ihren Betrieben heute Rechte das Wort führen. Wenn sie von langjährigen Betriebsräten berichten, die auf einmal AfD-Parolen verbreiten.

Vielerorts ist der Wandel hingegen offenkundig: in Passau, wo vor zwei Jahren rund 200 Mitglieder aus der IG Metall austraten. Die Gewerkschaft tue zu viel für die Flüchtlinge, erklärten viele. Sie solle sich lieber um die kümmern, die schon immer hier gewesen seien.

Oder in einer anderen Stadt im Westen der Republik, wo ein Mitarbeiter eines Stahlwerks ein Asylbewerberheim anzündete, entlassen wurde und sich daraufhin weite Teile der Belegschaft und der gewählten Interessenvertreter mit ihm solidarisierten und seine Wiedereinstellung forderten. "Ich bin daran verzweifelt", sagt ein Betriebsrat, der ebenfalls anonym bleiben will. "Wenn ich mich dort hinstelle und die Tat verurteile, werde ich beim nächsten Mal nicht wiedergewählt."

Metaller nur von 8 bis 17 Uhr

Oder in Dresden. "Unsere politische Arbeit wird von einigen Mitgliedern gerade massiv infrage gestellt", sagt Joern Kladen. Er leitet die Geschäftsstelle der IG Metall in der sächsischen Landeshauptstadt. Seit die Pegida-Demonstrationen durch die Straßen ziehen, sei die Stimmung in den Betrieben rauer geworden – und die Gewerkschaft selbst gerate immer stärker in die Schusslinie. "Die Leute sagen, von 8 bis 17 Uhr bin ich Metaller, was ich danach mache, geht euch nichts an." Ein moralisches Gerüst, gar ein politisches Bewusstsein könne man den Mitgliedern längst nicht mehr vermitteln.

Kladens Stimme wird stetig leiser, wenn er über die Rechten spricht. Er stockt. Gerade die traditionsreichen Industriegewerkschaften – die heute die größten Probleme mit den Rechten haben – wären in ihrer Geschichte kaum auf die Idee gekommen, sich bloß als Verwalter betrieblicher Interessen zu verstehen. Und tatsächlich stritten sie für eine gerechte Gesellschaft, für Anerkennung und Emanzipation der Arbeiter, für materiellen Wohlstand ebenso wie für politische Rechte. Die Gewerkschaften in den Betrieben, die Sozialdemokraten in den Parlamenten – das galt lange Jahre. Noch heute singen sie auf Gewerkschaftsfeiern und SPD-Parteitagen die alten Lieder: "Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist."

Doch die Verse sind hohl geworden, Folklore. Die ehemals treuesten SPD-Wähler haben das Urvertrauen in ihre alte Partei verloren. Die Globalisierung verstärkt Unsicherheit und produziert Verlierer, Standortkonkurrenz setzt die Belegschaften unter Druck. Handfeste Bedrohungen vermengen sich mit dem vagen Gefühl, den Überblick, die Kontrolle zu verlieren. Und während radikale Rechte die Abschottung als Lösung präsentieren, sind die Gewerkschaften Teil eines größeren Kampfs: um das Linkssein in ungewissen Zeiten.

Immer wieder seien in den vergangenen Jahren Mitglieder scharenweise ausgetreten, wenn sich die Gewerkschaft deutlich positioniert habe, erzählt Joern Kladen. Etwa als IG-Metall-Chef Jörg Hofmann 2015 fremdenfeindlichen Arbeitnehmern mit den Worten drohte: "Wer hetzt, der fliegt." Gesellschaftspolitische Themen spreche man daher im Betrieb nur noch selten an, zu groß sei die Angst vor den Reaktionen. Manchmal reicht schon ein falsches Wort, um einen Betriebsrat zu spalten. "Ein Bollwerk gegen Rechts können wir hier gar nicht sein", sagt Kladen. "Sonst laufen uns die Leute weg."

Ein meterhoher Mercedes-Stern strahlt über dem Werksgelände in Untertürkheim. Lastwagen poltern über die breiten Straßen, vorbei an den Toren der Produktionshallen. Schornsteine spucken Rauchwolken in den Abendhimmel. Hier, in der Herzkammer der deutschen Automobilindustrie, soll die Revolte beginnen – wenn es nach den Rechten geht.

Im Erdgeschoss eines grauen Betonklotzes in der Mitte des Werksgeländes liegt ein kleines Büro. Warnwesten baumeln von einem Haken in der Ecke des Raums. Im kalten Licht einer Neonröhre sitzt Alexander Mutschler, die grauen Locken zum Pferdeschwanz gebunden, auf der Kante seines Stuhls. Seit beinahe 20 Jahren arbeitet der Endvierziger in der Instandhaltung "beim Daimler", wie sie hier sagen. Für die IG Metall war er einmal Vertrauensmann, hat früher die Grünen gewählt, jetzt wählt er die AfD, aus Protest, sagt er und lächelt schief. Man könne sich das ja nicht ewig bieten lassen. Dass alle vom Wirtschaftsboom sprächen, er selbst aber nur 2200 Euro im Monat verdiene. Dass seine Kollegen noch immer mit Werkverträgen abgespeist würden. Und dass die IG Metall nichts dafür tue, um an alldem etwas zu ändern. "Die sprechen doch mit dem Management ihre Streiktage ab, damit vorproduziert werden kann", ruft er. "Die sind Establishment. Teil des Problems, nicht Teil der Lösung."

Neben ihm wiegt Oliver Hilburger seinen bulligen Körper hin und her. "Betriebsrat" steht in Druckbuchstaben auf dem Rücken seines Poloshirts. Vor acht Jahren hat er die Gewerkschaft "Zentrum Automobil" gegründet, als Opposition zur IG Metall. Vier Betriebsräte stellen sie in Untertürkheim. Und das soll erst der Anfang sein. Gemeinsam mit dem Netzwerk "Einprozent", das von dem Rechtsintellektuellen Götz Kubitschek unterstützt wird, haben Hilburger und seine Kollegen die Initiative "Patrioten schützen Arbeitsplätze" gestartet. In einem Video fordern sie ihre Mitstreiter dazu auf, im ganzen Land bei den Betriebsratswahlen im Mai zu kandidieren, um "das Kartell der Gesinnungswächter" in den Betrieben zu "entmachten".

Neuer Kampf zwischen Rechten und Linken

Vor einigen Wochen trat Hilburger bei einer Konferenz des Compact-Magazins in Leipzig auf. Dessen Chefredakteur, der Ex-Kommunist Jürgen Elsässer, sprach von der Idee einer Arbeiterbewegung von rechts. "Alle Räder stehen still, wenn dein blauer Arm es will", brüllte Elsässer in den Saal. Hinter ihm saß AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, ein feines Lächeln auf den Lippen, und applaudierte.

Hilburger war früher Gitarrist bei der Rechtsrockband "Noie Werte", auch andere Mitglieder des "Zentrums" stehen im Verdacht, Kontakte in die Neonazi-Szene unterhalten zu haben. Jugendsünden nennt Hilburger das, darüber will er nicht reden. Lieber spricht er über die "korrupte IG Mafia", die mit den Arbeitgebern unter einer Decke stecke, über den scheinheiligen Internationalismus der linken Gewerkschaften. Und über Solidarität. "Eine Solidargemeinschaft", sagt Hilburger, "funktioniert nur, wenn ich weiß, mit wem ich solidarisch bin. Und dafür braucht es den Nationalstaat."

Der neue Kampf zwischen Rechten und Linken in den Gewerkschaften ist auch ein Kampf um alte Begriffe: Solidarität, Zusammenhalt, Widerstand. Sie werden umgedeutet, neu intoniert und gegeneinander in Stellung gebracht.

Bereits in den fünfziger Jahren schrieb der Soziologe Seymour Lipset über den "Autoritarismus der Arbeiterklasse", ihren Hang zu einfachen Erklärungen und starken Führern. In den siebziger Jahren kamen Sozialforscher zu ähnlichen Ergebnissen. Mochten die Funktionäre auch bedingungslos internationalistisch, weltoffen und antihierarchisch sein, die Werktätigen waren es womöglich schon damals nicht. Doch wurden die autoritären Neigungen eingehegt, mithin politisch umcodiert. Eben weil Gewerkschaften und Linke in ihren guten Zeiten nicht bloß Interessenvertretungen waren, sondern Lieferanten von Weltdeutungen und Identitäten. Lange Jahre war die Bildungsarbeit der IG Metall geprägt vom oft bemühten "Interessengegensatz" zwischen Kapital und Arbeit. Den konnte man kritisieren, weil er komplexe Zusammenhänge etwas zu stark vereinfachte, weil er Konflikte heraufbeschwor, wo Kooperation angebracht schien. Aber er zog auch eine Grenze: Hier sind wir, die Arbeiter, und dort sind die anderen, die Chefs und Konzernlenker. Und zum Wir gehörten auch die türkischen und griechischen Kollegen. Die Sticker mit der ausgestreckten gelben Hand klebten in den achtziger Jahren zehntausendfach in den Spinden und Pausenräumen der Fabriken. Sie sagten: "Mach meinen Kumpel nicht an." Und sie sagten auch: Wir im Werk stehen füreinander ein, wir halten zusammen. Integration durch Arbeit funktioniert.

Heute sei der Arbeiter als Symbol von Tatkraft und Fortschritt aus den Debatten verschwunden, schreibt der Soziologe Klaus Dörre, einer der anerkanntesten Gewerkschaftsforscher in Deutschland. Manuelle Tätigkeiten haben an Wert verloren. Die Arbeiterschaft ist gespalten in Stamm- und Randbelegschaft, in Konkurrenten statt Kumpel. Und das Kapital ist flüssig geworden. Längst sind nicht mehr mächtige Patriarchen für die Entscheidungen verantwortlich, sondern Shareholder und Investoren. Wenn Bezugsgrößen verschwimmen und Überzeugungen nicht mehr gelten, verfängt das Angebot der Rechten: Wo das Kapital kaum greifbar ist, wird das Fremde zum Feind erklärt. Das neue Wir, das sind die Deutschen. Nur, was heißt das für die Gewerkschaften?

Die Führung des DGB setzt auf Abgrenzung. "Klare Kante" ist die Formulierung, die von den Vorständen wie ein Mantra wiederholt wird. Man will die Mitglieder, die rechts wählen, "aufklären", über die "arbeitnehmerfeindlichen Positionen" der AfD etwa. Es gibt Argumentationsleitfäden für Diskussionen mit rechten Kollegen, eine Ausbildung für sogenannte StammtischkämpferInnen, die AfD-Parolen entlarven sollten. Die Listen der Rechten würden bei den Betriebsratswahlen "wie Seifenblasen zerplatzen – wegen Unfähigkeit", polterte der DGB-Chef Reiner Hoffmann vor einigen Tagen.

Identität braucht Abgrenzung

Doch an der Basis wachsen die Zweifel. "Mit Broschüren überzeuge ich hier niemanden", sagt einer. "Ich habe das Gefühl, die wollen gar nicht wissen, was hier wirklich los ist", eine andere. "In den Vorstandsetagen der Gewerkschaften herrscht eine Mischung aus Ratlosigkeit und Problemverdrängung", sagt der Soziologe Klaus Dörre.

Im Zwickauer Gewerkschaftshaus ploppt eine Thermoskanne. Thomas Knabel gießt sich einen Schluck Kaffee in seine Tasse. Hinter ihm hängt ein Bild. Ernst dreinblickende Männer mit weiten Mänteln und langen Bärten, Vorkämpfer der Arbeiterbewegung, ordentlich zum Foto aufgereiht. Vor ihnen steht auf einem Schild: "Nicht betteln, nicht bitten."

Knabel ist kein Romantiker, auch stemmt er sich nicht gegen Veränderungen. Doch einen zentralen Wert der Gewerkschaften will er erhalten: Sie sollen selbstgewiss sein, zukunftssicher. Knabel sagt, man müsse die sozialen Konflikte wieder stärker polarisieren, die Rolle des Kritikers der herrschenden Zustände dürfe man nicht den Rechten überlassen. "Identität braucht immer auch Abgrenzung", sagt er. Bloß müsse die Abgrenzung nach oben geschehen, nicht nach unten und außen. Nur so könne man ein integrierendes Wir formen, das den in Deutschland geborenen Schweißer ebenso wie den tschechischen Leiharbeiter einschließe, und die Solidarität neu beleben.

Er und seine Kollegen kümmern sich gerade besonders um sogenannte Erschließungsarbeit. Sie organisieren Betriebe, in denen es bislang noch keine Gewerkschaftsmitglieder gibt. Kleine Unternehmen, wo mancher Chef sofort Abmahnungen verschickt, wenn sich Mitarbeiter zusammenschließen, und die Treffen oft in Hinterzimmern von Kneipen stattfinden müssen. "Die, die dort etwas verändern wollen, sind wirklich mutige Leute", sagt Knabel, "die brauchen wir." Aber vor ein paar Monaten sei eine Gruppe junger Neumitglieder direkt nach dem Treffen mit dem Bus zu einer Pegida-Demonstration gefahren. Sie hätten gefragt, warum die Gewerkschaften nicht selbst die Busse organisierten. Die seien doch schließlich auch für Gerechtigkeit.