Kanzlerin Angela Merkel steht vor schwierigen Sondierunggesprächen. © Michael Meissner für DIE ZEIT

Es soll jetzt ganz schnell gehen. Schon bevor die Sondierungen zur großen Koalition am Sonntag offiziell beginnen, wird im Hintergrund verhandelt: Es geht um die Tagesordnung, die Größe der Arbeitsgruppen – und die ersten Inhalte. "Die SPD braucht einen Skalp", sagt ein hochrangiger CDU-Politiker. Was genau das sein könnte, auch darüber sprechen Parteichefs und Generalsekretäre von Union und SPD schon jetzt. Gleichzeitig hat man in den ersten Telefonaten des neuen Jahres absolutes Stillschweigen verabredet: Nichts soll an die Öffentlichkeit dringen, kein Verhandlungsstand und auch kein Ärger über die anderen. Zu schwierig ist der Weg in diese Koalition. Zu angeschlagen sind alle Verhandler.

Dies wird – wenn sie denn zustande kommt – eine andere Regierung werden als die letzte große Koalition unter Angela Merkel: 2013 schrammte die Union am Wahlabend knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, die SPD dagegen war stehend k. o. Diesmal ist auch Merkel unter Druck. 2013 konnte die Union gegenüber den Sozialdemokraten großzügig sein. 2018 muss Merkel sehen, wie sie den eigenen Laden zusammenhält. Die SPD wiederum setzt auf Konfrontation: Es soll nicht wieder so laufen, dass die Genossen am Anfang die Ideen liefern und die Union am Ende im Kanzleramt bleibt. Doch das demonstrative Selbstbewusstsein, mit dem die SPD-Spitze auftreten will, kann die innere Zerrissenheit der Partei kaum kaschieren.

Verhandlungstaktisch wollen die Sozialdemokraten in den Sondierungen alles fordern, was bei der Union erhebliche Schluckbeschwerden auslösen dürfte: höhere Erbschaftsteuer, Anhebung des Spitzensteuersatzes, Bürgerversicherung, Milliardeninvestitionen in den sozialen Wohnungsbau, in die Schulen und in den weiteren Ausbau der Ganztagsbetreuung – Letzteres verbunden mit der Ansage, dass die CSU die versprochene Erhöhung des Kindergeldes knicken kann. In der Union, davon ist man in der SPD überzeugt, wird das den internen Streit befeuern.

Bei den Jamaika-Gesprächen hieß es noch, die Sondierungen müssten mit sehr konkreten Ergebnissen und überaus umfangreichen Papieren enden. In der SPD-Spitze glaubt man nun, nicht mehr als zehn Punkte auf möglichst wenigen Seiten zu brauchen, um beim Parteitag am 21. Januar die Zustimmung zu offiziellen Koalitionsverhandlungen zu bekommen. Außerdem haben die Genossen durchgesetzt, dass in den Gesprächen nächste Woche jede Partei nur zwei bis drei Mitglieder in die Arbeitsgruppen entsendet.

All das kann freilich nicht überdecken, dass die SPD ein massives Führungsproblem hat. In der Parteispitze muss man lange suchen und findet dann immer noch keinen, der Martin Schulz zutraut, die SPD aus der Krise zu führen. Am meisten entsetzt über die strategischen Fehler ist der Mann, der Schulz ausgesucht hatte: Sigmar Gabriel. Und am meisten genervt von Gabriels Interviews und Einlassungen zur Lage der SPD ist Martin Schulz. Eine Männerfreundschaft zerbröselt in aller Öffentlichkeit – mit Konsequenzen für die Politik.

Denn in der nächsten großen Koalition – da sind sich alle Genossen einig – kommt der Person des Vizekanzlers enorme Bedeutung zu. Es soll eben keine Regierung unter Merkel, sondern eine mit Merkel sein. Und das bedeutet: Der Vizekanzler soll nicht nur die Kabinettssitzung leiten dürfen, wenn Merkel in Urlaub ist. Er muss sich auch inhaltlich gegen die Kanzlerin stellen können. Deswegen, so sehen es einflussreiche Sozialdemokraten, müsse dieses Amt an den einzigen Minister im Kabinett fallen, der ein formales Vetorecht genießt: den Finanzminister. Die Frage ist nur: Wer könnte es machen?

Regierungsbildung - Union bereitet Sondierungsgespräche mit der SPD vor Nächste Woche wollen SPD und Union zu Sondierungen zusammenkommen. Es soll besprochen werden, ob erneut eine große Koalition gebildet wird. © Foto: Hannibal Hanschke/Reuters

Sigmar Gabriel hat signalisiert, dass ihn der Job reizen würde. Dann könnte Martin Schulz, der erfahrene Europapolitiker, das Auswärtige Amt übernehmen. Allerdings dürfte ein Vizekanzler Gabriel in der SPD so wenig mehrheitsfähig sein wie der Vorschlag, Martin Schulz zum Finanzminister zu machen. Wie man es dreht und wendet: Der SPD erwächst aus jeder neuen Gelegenheit ein neues Problem.