DIE ZEIT: Herr Altenhein, Sie leiteten 14 Jahre lang den Luchterhand-Verlag, der viele Bücher aus der DDR im Westen verlegte. 1978 machten Sie Guten Morgen, du Schöne von Maxie Wander der westdeutschen Öffentlichkeit zugänglich. Ist Ihnen dieser Erfolg noch präsent?

Hans Altenhein: Natürlich! Das war eines der erfolgreichsten DDR-Bücher in der Bundesrepublik. Die erste Auflage lag bei 10.000 Exemplaren und war sofort vergriffen. Zwei Jahre später brachten wir eine Taschenbuchausgabe heraus. Bei meinem Abschied vom Verlag 1987 war diese schon in der 22. Auflage. Insgesamt müssten wir bis zu 200.000 Exemplare verkauft haben. Das Buch war ein riesiger Erfolg – spontan, aber zugleich lang anhaltend.

ZEIT: Hat Sie das überrascht?

Altenhein: Ganz am Anfang schon, aber dann bemerkten wir schnell, woher das kommt. Guten Morgen, du Schöne war eben ein Leitbuch der DDR-Frauenbewegung. Die Frauenbewegung in Westdeutschland hat es dann auch lebhaft angenommen.

ZEIT: Wie kamen Sie auf das Buch?

Altenhein: Wir hatten eine eigene Lektorin für DDR-Literatur, Ingrid Krüger, die in West-Berlin lebte. Sie hatte Zugang zur Ostberliner Literaturszene, kannte Verleger und Autoren. Sie hatte frühzeitig im Gefühl, was das Buch für die Frauenbewegung bedeuten könnte. Den Lizenzvertrag haben wir dann sogar geschlossen, bevor die DDR-Ausgabe überhaupt erschienen war. Wir wollten dieses Buch, wollten die Autorin. Aber wir hatten auch durchaus die Schwierigkeiten gesehen.

ZEIT: Welche?

Altenhein: Maxie Wanders Buch war eine Mischung aus Dokumentarliteratur und Bericht. Mir hat das beim ersten Lesen schon gefallen. Aber weil es eine so ungewöhnliche Form war, wussten wir nicht, wie die Leser reagieren würden. Außerdem waren die Protokolle dermaßen DDR-bezogen, die West-Leserschaft wusste aber nicht viel über den Osten.

ZEIT: Weil sie nicht interessiert war?

Altenhein: Beide Seiten nahmen kaum Kenntnis voneinander. Wir mussten eine Brücke schlagen.

ZEIT: Wie haben Sie das gemacht?

Altenhein: Ingrid Krüger und Maxie Wander überarbeiteten gemeinsam das Buch, ergänzten an vielen Passagen den Kontext oder einzelne Wörter. Bei einigen der Protokolle wäre das zu viel geworden. Da entschied Maxie Wander, dass wir die lieber weglassen. Unsere Ausgabe bei Luchterhand war also nicht identisch mit der Originalausgabe. Das war eigentlich verpönt, weil man schnell in den Verdacht der Zensur geriet. Das durfte man nur machen, wenn Autorin und Verlag zustimmten. In unserer Wander-Ausgabe steht ausdrücklich: "von der Verfasserin autorisierte Ausgabe".

ZEIT: Wie schaffte es ein Buch aus der DDR eigentlich normalerweise in Ihren Verlag?

Altenhein: Für Luchterhand war es ein wesentlicher Bestandteil des Programms, DDR-Literatur im Westen zu verlegen. Wir waren nicht der einzige Verlag, der das machte, aber wir haben sehr früh angefangen mit Hermann Kant und Christa Wolf. Die DDR war daran natürlich auch interessiert, schon wegen der Lizenzgebühren. Die Verträge schlossen wir immer mit den Verlagen ab. Die waren ja staatlich, deswegen hatte ich viel mit der Regierung zu tun, zum Beispiel mit Klaus Höpcke, dem stellvertretenden Minister für Kultur.

ZEIT: Verlief die Zusammenarbeit immer ohne Probleme?

Altenhein: Einmal stießen wir mit der Zensur zusammen. Da ging es um die Kassandra-Vorlesungen von Christa Wolf. Die DDR-Regierung hatte einfach einige Passagen gestrichen. Christa Wolf bestand aber darauf, dass bei Luchterhand die unzensierte Fassung erscheint. So konnten sich die Autoren bei uns auch vorübergehend von den Zwängen der DDR befreien. Wir waren eine kleine Insel der Publikationsfreiheit.

ZEIT: Inwiefern?

Altenhein: Hatten wir erst einmal das Manuskript von DDR-Autoren und einen Vertrag mit dem Verlag, konnten die Texte nicht mehr so leicht zensiert werden. Manchmal veröffentlichten wir Texte aus der DDR, die dort überhaupt nicht erschienen waren. Viele DDR-Autoren hatten das Gefühl, sie müssen bei uns erscheinen.

ZEIT: Und westdeutsche Autoren?

Altenhein: Auch die hatten ein großes Interesse, ihre Werke in der DDR zu veröffentlichen. Das waren bei uns Autoren wie Peter Härtling, Ernst Jandl oder Günter Grass. Unser Prinzip war literarischer Austausch zwischen West und Ost.

ZEIT: Haben Sie Maxie Wander kennengelernt?

Altenhein: Im Frühjahr 1977 traf ich sie einmal bei der Leipziger Buchmesse. Sie hatte ihre erste öffentliche Lesung in der DDR, noch mit dem Manuskript. Anschließend saßen wir zusammen, mit ein paar anderen. Wander war eine schöne Frau, Mitte 40. Mir fiel bei ihr so eine Mischung aus Warmherzigkeit – obwohl sie mich ja auch nicht kannte – und Witz auf. Tragischerweise starb sie schon ein halbes Jahr später.