© Niklas Grapatin für DIE ZEIT

Das schlafende Tier ist ein Sinnbild der Ruhe und Selbstvergessenheit. Im Zoo müsste man diese Stille in Reinkultur erleben können. Das dachte unser Fotograf Niklas Grapatin, bis er eine Nacht in Hagenbecks Tierpark verbrachte. Schlafende Tiere sind bis auf wenige Ausnahmen keine entspannten Träumer, sondern Wesen in Alarmbereitschaft. Deshalb ist die Stille in den Gehegen eine besondere: Sie ist verdichtet durch Anspannung, eine instinktive fortwährende Achtsamkeit.

Nur Raubtiere – siehe der bräsig sich ausbreitende Eisbär im Bild – können sich den sorglosen Schlummer leisten. Die andern aber sind auf der Hut. Sie schlafen im Stehen wie das schreckhafte, immer fluchtbereite Zebra. Und wenn sie fürchten müssen, auszukühlen, wie der Flamingo, wird das Ganze auch noch zu einem Balanceakt auf einem Bein.

© Niklas Grapatin für DIE ZEIT

Oft schlafen Tiere nur mit einem ausgeklügelten Warnsystem. Bei Elefanten und Menschenaffen bleiben einige in der Gruppe wach, um notfalls Alarm zu schlagen. Stockenten schließen sich zu einem Pulk zusammen; die Tiere am Rand der Gruppe halten das jeweils nach außen gerichtete Auge offen. Irgendwann drehen sich die Vögel um, dann kann auch das andere Auge einschließlich der zugehörigen Hirnhälfte ausruhen.

Selbst unter Wasser geht ein Nickerchen oft nur halb. Bei Seekühen schläft eine Hirnhälfte, die andere sorgt dafür, dass das Tier ab und zu an der Wasseroberfläche auftaucht, um Luft zu holen. Andernfalls würden sie ertrinken.

Die sprachlose Tierwelt ist also selbst im Dämmern aktiv, sie raschelt, schnauft, strampelt und strauchelt. Sie kommuniziert.

Für die stille Andacht schaute Niklas Grapatin eine Riesenschildkröte an. Ihre Gestalt, mehr Skulptur denn Lebewesen, ließ sie vollständig losgelöst von der hektischen Welt erscheinen. So eine Ruhe entwickelt man aber nicht über Nacht. Das dauert schon ein paar Millionen Jahre.

© Niklas Grapatin für DIE ZEIT