Haiyti. Schon in dem Namen stört etwas. Die sprachliche Konvention ist durchkreuzt. Man braucht Zeit, bis man sich an die Schreibung gewöhnt hat. Haiyti. Wie der Karibikstaat, nur mit einem y dazwischen. So geht das, wenn man mit minimalen Mitteln einen großen Effekt erzielt. Die Rapperin Haiyti ist eine Virtuosin dieses Verfahrens. Das Bekannte verdrehen, ramponieren, zerstückeln, zerspielen. Und daraus etwas Verblüffendes machen.

Da ist zum einen der Sound. Dies ist nicht die erste Haiyti-Veröffentlichung. Es gibt mehrere EPs, zahlreiche Gastspiele bei anderen Rappern, aber jetzt hat Ronja Zschoche – so ihr bürgerlicher Name – den absolut schlüssigen Ton für ihre Lyrik gefunden. Montenegro Zero, das offizielle Debütalbum, klingt billig und raffiniert. Manchmal wie Chanson, dann wieder wie die Neue Deutsche Welle von Falco und der Punk von Nina Hagen.

Haiytis Produzenten heißen Kitschkrieg. Das ist ein treffender, weil widersprüchlicher Name. Hat die Künstlerin mit ihrer Ästhetik dem Kitsch, jener sich an sich selbst berauschenden Sentimentalität, den Krieg erklärt? Oder treiben ihre Songs den Kitsch, das Artifizielle, Schräge, Ironische so weit, dass er etwas Kämpferisches und Widerständiges bekommt? Zum Beispiel der Song 100 000 Fans. Die Stimme: verändert mit Autotune-Effekt, quengelnd, aggressiv. Überhaupt klingt Haiyti immer ein wenig entrüstet, als sei es eine Zumutung, den Leuten zu erklären, was Sache ist. Das Arrangement: billigster, einem Atari-Computer abgelauschter Grundton, dazu Hechelgeräusche. Asthma als Drum-Machine.

"Ich hab 100 000 Fans/die mich alle noch nich’ kenn’" beginnt das Stück, und im Video marschiert die Rapperin dazu auf einem imaginären Laufsteg in wechselnden Outfits – Fantasieuniform in Leder, Girlie-Montur mit Hipster-Blüschen – dem Zuschauer entgegen. Die Inszenierung ist perfekt: Hier kommt was auf euch zu, sagen diese Bilder. Ihr wisst es nur noch nicht. Ihr sollt mich kennenlernen.

Oder der Clip zu Mafioso: die Künstlerin im Business-Outfit mit Designerbrille, quasi die Spießerfantasie der erfolgreichen Frau, umgeben von Gangstertypen mit Schmerbauch, Goldkettchen und Zigarre. Man steigt in eine grotesk lange Stretchlimousine von Maserati ein, Jeff Koons könnte sich dieses Auto ausgedacht haben. Und dann heißt es notorisch: "Mein Onkel ist ein Mafioso!"

Man hört dieses "Mafioso" so oft, dass es irgendwann wie ein Mantra klingt, und dieses narkotische Wiederholen eine Begriffs ist entscheidend. Und zwar in dem Sinne, dass hier der Unterschied zwischen einem coolen, letztlich mit der Provokation nur kokettierenden Rap-Textchen und wirklicher, verstörende Effekte erzielender Poesie deutlich wird. Denn der Wiederholungszwang fährt einer im allgemeinen Welt- und Geschäftsbetrieb mehr und mehr verwalteten Rhetorik in die Parade. Beispiel: das Stück Kate Moss. "Ich rauche die Kippen wie Kate Moss/Kate, Kate, Kate!" – im Refrain wird der Name der Marke (denn das ist Kate Moss, eine global vermarktbare Ressource) so oft hintereinandergeschaltet, dass er sich phonetisch verselbstständigt. Die kapitalistisch dienliche Bezeichnung schlägt um ins klanglich zweckfreie Spiel.

Haiyti hat sich diese Methode nicht ausgedacht. Das amerikanische Trio Migos, derzeit eine der einflussreichsten Hip-Hop-Formationen der Welt, veröffentlichte 2016 den Song Versace. Auch hier war der Refrain ein Repetiergewehr, mit dem man auf den Tauschwert und seine Semantik schoss. Wersatschiwersatschiwersatschi: Der Name wurde so lange wiederholt, bis aus dem berühmten Label ein Nonsensbegriff geworden war.

Auch beim Sound gibt es Anleihen bei den aus Atlanta stammenden Rappern: die Hi-Hats, die nervös über betäubt dahintrottende Beats zischeln. Die Billigklänge, als habe man die Signale eines Flipperautomaten gesampelt. Als Genrebezeichnung hat sich für diesen Stil das Slangwort Trap etabliert. Traps sind baufällige Häuser, in denen Drogendealer ihr Quartier beziehen. Der Begriff wird auch auf Haiyti angewendet, er kommt sogar in ihren Texten vor. In 100 000 Fans heißt es: "Mein Handy ist ein Trap-Phone/Jeder Anruf ist ein Money-Call." Das ist die hierzulande seit Bushido gängige Gangster-Folklore. Das Besingen der Schattenökonomie. Die Drogen- und Rausch-Romantik. Die Kiez-Kolportage. Aber es gibt eben auch die fragilen, an die Traurigkeit der Sachlichkeits-Dichtung erinnernden Verse: "Abgeholt im Raumschiff/Ich sonne mich im Blaulicht." Oder: "Verloren im Crushed Ice/Auf der Suche nach Highlights." Diese Aufladung der Zivilisationskulissen mit einer nicht naiven Empfindsamkeit – das ist neu im deutschen Hip-Hop.

Musikalisch wird es in solchen Momenten immer ganz besonders derb. Dann scheppern die Drums, als sei man in einer Vorortdiscothek. Dann fiept und greint es, als hätten die Algorithmen schlechte Laune gehabt bei der Verfertigung dieser Persiflage der gängigen Radioformate von Schepper-House bis Schlager-Trash.

Haiyti hat sich auf ihrer grellen, großstädtischen Textbühne selbst einen Platz gegeben. Zitat aus dem Song Haubi: "Das Leben um den Hauptbahnhof/Ich schieße eine Taube tot/Das schöne Leben aussichtslos/Für kurze Zeit nur auf dem Thron."

Kurze Zeit, lange Zeit. Egal.

Die Zeit von Haiyti ist jetzt.

Haiyti: Montenegro Zero
Universal Music, erscheint am 12. Januar 2018

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