DIE ZEIT: Frau Lindemann, der Raum der Stille im Hauptbahnhof liegt hinter einer unscheinbaren Glastür zwischen Schlüsseldienst und Blumenladen. Warum so zurückhaltend?

Eva Lindemann: Der Raum liegt etwas abseits, in der Unterführung zum Südsteg. Und man muss zugeben: Er ist auch nicht sonderlich gut ausgeschildert. Wir haben immerhin bewirkt, dass im Hauptbahnhof auf die Bahnhofsmission hingewiesen wird. Im Grunde muss man nun den Umweg über die Bahnhofsmission machen, um den Raum zu finden.

ZEIT: Wenn man ihn dann gefunden hat, steht man vor verschlossenen Türen.

Lindemann: Den "Raum der Stille" gibt es seit 2002. Wir bemühen uns, jeden Tag geöffnet zu haben. Dafür teilen wir unsere ehrenamtlichen Helfer in Schichten ein. Das wird schwieriger, weil viele unserer sogenannten Wächterinnen und Wächter der Stille älter sind. Auch der Raum ist nicht mehr der Jüngste. Wir haben zurzeit eine defekte Heizung und Feuchtigkeit von oben.

ZEIT: Es regnet rein?

Lindemann: Ja. Lange Zeit war das Team bereit, mit Schüsseln und Eimern dagegen anzukämpfen. Inzwischen ist es für niemanden mehr zumutbar, in dieser feuchten Kälte zu sitzen. Die zuständige Behörde hat uns zugesichert zu helfen. Aber zwischen einer Zusage und dem Moment, in dem mit der Arbeit begonnen wird, vergeht oft ein bisschen Zeit.

ZEIT: Wie reagieren die regelmäßigen Besucher des Raums?

Lindemann: Manche bedauern die Lage sehr. Zu unseren treuesten Besuchern zählen viele Menschen muslimischen Glaubens, die in den umliegenden Kaufhäusern arbeiten. Sie kommen in der Mittagspause, um zu beten.

ZEIT: Der Raum ist vor allem ein Gebetsraum.

Lindemann: Nein, überhaupt nicht. Der Raum ist ein Angebot, sich aus dem Trubel zurückzuziehen. Mit allen Bedürfnissen, die Menschen haben, um zur Ruhe zu kommen. Einmal war auch eine Frau da, die den Raum quasi missverstanden hat und dort ihr Kind stillte.

ZEIT: Und was machen diejenigen, die nicht stillen oder beten?

Lindemann: Die Menschen sitzen da und schweigen. Einige lauschen den Geräuschen der Umgebung, der Raum ist nicht komplett leise. Es geht darum, die Menschen für einen Moment aus der Hast und Schnelllebigkeit ihres Alltags zu befreien.

ZEIT: Stillsein fällt gerade Großstädtern ziemlich schwer, oder?

Lindemann: Das muss man lernen. Nur weil ich einmal eine Quiche gemacht habe, heißt das nicht, dass ich sie für immer und ewig kann. Genauso ist es mit der Stille: Ich muss mir regelmäßig gestatten, innezuhalten und zu ruhen. Je häufiger ich das im Alltag zulasse, desto eher merke ich, wie wohltuend das ist.