Überlebensgroß ist er immer noch, niemand wird ihm entkommen können. Am Samstag, dem 5. Mai, wird Karl Marx vor das Volk seiner Heimatstadt Trier treten, pünktlich zu seinem 200. Geburtstag: 4,40 Meter hoch, 2,3 Tonnen Bronze, auf einem ein Meter hohen Sockel. Das bereits in Entwürfen skurril wirkende Denkmal des Bildhauers Wu Weishan ist ein Geschenk Chinas an die Stadt und wird 44 Tage über den Ozean reisen; die Annahme dieses Schnäppchens hatte eine ganz große Koalition im Stadtrat aus CDU, SPD und Linker beschlossen. Dass sich auch die Denkmalsgeschichte frei nach Marx’ berühmtem Satz aus dem 18. Brumaire immer zweimal ereigne, erst als Tragödie, dann als Farce, scheint damit erwiesen: nach Lew Kerbels sowjetischem 40-Tonnen-Schädelkoloss in Chemnitz nun also der Schwermetallimport aus China für postideologisches Tourismusmarketing mit dem cleveren Segen der Kommunistischen Partei. Immerhin konnte Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) nach einem Atelierbesuch in Fernost berichten, dass der Künstler besonders lange an den Augen gearbeitet habe.

Das Karl-Marx-Jahr 2018 hat also begonnen. Es folgt auf das Lutherjahr, das jenem anderen deutschen Intellektuellen von welthistorischer Bedeutung galt. Jenseits aller Merkwürdigkeiten, die Jubiläen mit sich bringen, gibt es auch im Falle von Marx ausgiebig Möglichkeiten, noch einmal neu hinzuschauen. Was haben die Augen von Karl Marx gesehen, beim Blick in seine Gegenwart und in die Zukunft, die vielleicht unsere Gegenwart ist? Zahlreiche Bücher zu Marx werden demnächst erscheinen; vier Autoren haben schon jetzt ihre Deutungen vorgelegt.

Für den Journalisten Jürgen Neffe, der Bücher über Albert Einstein und Charles Darwin verfasst hat, ist die Sache klar: Er zoomt in seiner Biografie Marx. Der Unvollendete seinen Helden aus dem 19. Jahrhundert so nah wie möglich an unsere Gegenwart heran. Neffe schildert dessen Leben und Denken in einem locker-flockigen Präsens und geht keiner saloppen Formulierung aus dem Weg. "Marx zu lesen gleicht immer wieder dem Gang zum Doktor", findet er; bei Marx habe im "Märchen der Menschheit" die "Spezies mit dem Kapitalismus nach einem Stern gegriffen", der "irgendwann verglühen muss. Dann heißt die Alternative: Wiedergeburt oder Schwarzes Loch". Die Stärke des Buches besteht in vielen lebendig orchestrierten Zitaten aus Marx’ Werken, aus Briefen und Erinnerungen von Frau und Töchtern, Weggefährten und Gegnern, die sich der verbissene Polemiker Marx zeitlebens schuf; das alltägliche Dasein dieses widersprüchlichen Denkers zwischen journalistisch-politischem Tageskampf, Familie und Theoriearbeit wird plastisch. Doch stört Neffes Drang zu vermeintlicher Analogie und Aktualität; die Finanzkrise 2008 wird ihm ebenso umstandslos zum Argument für Marx wie der Occupy-Demonstrant für das naturnotwendige Ende des Kapitalismus. "Marx legt den Grundstein zur Erkenntnis des Wahnsinns, der die Welt bis heute beherrscht, und zwar in einer Totalität, die wohl nur er so vorhergesehen hat": Beim Barte des Propheten, angesichts von so viel Gewissheit ist man automatisch lieber Renegat.

Der suggestive Begriffszauber des "Kommunistischen Manifests"

Gareth Stedman Jones geht in seiner bahnbrechenden Biografie den umgekehrten Weg: Karl Marx ist bei ihm eine historische Figur des 19. Jahrhunderts; mit seinen Botschaften habe er an seine Gegenwart gedacht und nicht an das 21. Jahrhundert. Zudem, so der langjährige Herausgeber der New Left Review, heute Professor für Ideengeschichte in London und Cambridge, müsse man nach all den Verfälschungen des Marxismus wie ein "Restaurator" vorgehen und Schicht um Schicht abtragen, um die eigentliche Leistung von Marx zu erkennen. Konsequent nennt er ihn durchgängig beim Vornamen Karl, was bei diesem Biografen keine Kumpelei ist, sondern sich als ein kluger Kunstgriff erweist, um dem gigantischen Schatten des Namens Marx zu entgehen.

Dieser Karl aus Trier wird nicht etwa zum heroischen Originalgenie, sondern ist zeitlebens eingebunden in intensive Debatten und Netzwerke. Stedman Jones’ Erzählung präsentiert jedoch nicht nur präzise die Kontexte, sondern auch das tatsächlich Besondere an Karl: einen Denker als Patchwork-Intellektuellen. Der hegelianische Philosoph entdeckt in den 1840er Jahren die Ökonomie, stürzt sich als Redakteur der Neuen Rheinischen Zeitung in die Revolution von 1848, so wie er im Londoner Exil der 1850er Jahre die New-York Daily Tribune mit seinen Analysen aus Europa versorgt. Zugleich quält sich Karl besessen mit seiner ökonomischen Theorie herum, die 1867 in den ersten Band des Kapitals mündet. Der eigentliche Katalysator für seinen gewaltigen intellektuellen Erfolg freilich wird seine politische Aktivität: Seit dem Kommunistischen Manifest von 1848 mit seinem suggestiven Begriffszauber ist er der umstrittene Papst der noch jungen proletarischen Bewegung, der Konkurrenten wie Wilhelm Weitling oder den russischen Anarchisten Michail Bakunin gerne exkommuniziert.