Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Kirchliche Inhalte erreichen in der Weihnachtszeit vermutlich so viele Kirchenferne wie das ganze Jahr über nicht. Von musikalischen Meisterwerken wie Bachs Weihnachtsoratorium oder Joseph Mohrs "Stille Nacht" werden alle Herzen irgendwann berührt. Ich musste dieses Jahr an Joseph Ratzinger denken, der über Musik geschrieben hat: "Wer wirklich von ihr getroffen wird, weiß irgendwie vom Innersten her, dass der Glaube wahr ist, auch wenn er noch viele Schritte braucht, um diese Einsicht mit Verstand und Wille nachzuvollziehen."

Eine steile These, der ich etwas abgewinnen kann – sowohl im Schönen wie auch im Schrecklichen. Wer beispielsweise eine Aufführung von Verdis Requiem besucht, kann sich der Drohung des Jüngsten Gerichts im "Dies irae" kaum entziehen. Nie vergesse ich, wie bedrückt ich nach meiner ersten Aufführung in der Bahn nach Hause fuhr und mich anschließend tatsächlich mit den dazugehörigen theologischen Fragen beschäftigte. Natürlich: Ich verstehe Latein und Liturgie. Der Ablauf und die Bedeutung der Abschnitte eines Requiems sind mir bekannt. Klassische Musik, gerade im kirchlichen Bereich, setzt viel voraus. Wenn man sich jedoch wirklich mit ihr beschäftigt, kann sie zur Erkenntnis führen. In der Dogmatik würde man sie einen "locus theologicus" nennen, einen Ort theologischer Erkenntnis. Musik drückt, wie jede andere echte Kunst, etwas aus, das mit Worten nicht gesagt werden kann. Sie schafft es auf diese Weise, etwas von der Größe Gottes erfahrbar zu machen.

Ist jemand zum ersten Mal getroffen von der Musik, so braucht er einen guten Übersetzer, der ihm auf die eine oder andere Art verstehen hilft. Diese Übersetzer sehe ich innerhalb der Kirche jedoch immer seltener. Wie gut, wenn eine Pfarrei einen musikalisch gebildeten pastoralen Mitarbeiter hat oder gar einen Kirchenmusiker.

Bei Aufführungen großer Messen sind die Konzertsäle voll, die Kirchen aber oft leer. Das sollte zu denken geben. Statt große traditionsreiche Kirchenmusik zu bieten, wird in vielen Gemeinden immer noch mit Musik aus den Siebzigern experimentiert. Einmal war ich besonders entsetzt, als eine Band "Imagine" von John Lennon anstimmte. "Imagine there’s no countries ... and no religion, too" – nicht unbedingt motivierend im Gottesdienst!

Dass also trotz des musikalischen Reichtums der Kirche auf weltliche oder gar religionsfeindliche Stücke ausgewichen wird, ist unverständlich. Es ist, wie wenn der Vegetarierbund bei seinen Treffen Wurstbrote servieren würde, um zu zeigen, dass er doch ganz "normal" ist. Ob im Bestaunen der sakralen Musik immer schon eine unbewusste Einsicht sich vollzieht, wie Ratzinger sagt, kann ich nicht beschwören, von verschiedenen Erlebnissen her aber bezeugen. Allein den Konzertsälen überlassen sollte die Kirche diesen "locus theologicus" jedenfalls nicht.