Sind die Zeiten nun gut oder schlecht? Wenn es um die deutschen Auktionshäuser und das abgelaufene Jahr 2017 geht, lautet die Antwort: Sie sind beides. Das gilt auch, wenn man die Nachwirkungen der Pleite des großmäulig auftretenden Online-Versteigerers Auctionata abzieht – die Reste endeten bei Van Ham unter dem Hammer des Auktionators.

Von den sieben größten Häusern konnten drei ihren Umsatz gegenüber dem Vorjahr steigern: Ketterer in München um zwei Millionen Euro auf 49 Millionen, Van Ham in Köln um vier auf 34 Millionen. Der Münchner Versteigerer Karl & Faber setzte mit 14 Millionen zwar weit weniger um als die Konkurrenz, steigerte seinen Umsatz jedoch um satte 35 Prozent.

Den anderen erging es schlechter. Beim Branchenprimus Lempertz in Köln sanken die Umsätze um 1,3 Millionen auf 57 Millionen. Bei Grisebach in Berlin reduzierte sich die Einnahmeseite sogar um mehr als zehn Millionen auf 46,2 Millionen. Und bei Nagel gingen mit 23 Millionen volle zwei Millionen weniger ein. Nur das Münchner Auktionshaus Neumeister macht wie stets ein Geheimnis aus seinen Umsatzzahlen.

Weiter im Takt der Statistik: Die zehn höchsten Zuschläge für Kunstwerke waren auch die einzigen, die – stets samt Aufgeld gerechnet – siebenstellig ausfielen. Im Vorjahr gelang dies bei elf Werken. Den ersten und den zehnten Platz nahmen diesmal Nagel-Bilder von Günther Uecker aus den 1980er Jahren ein. Bei Van Ham kam Both auf 2,8 Millionen, Grisebach erzielte 1,03 Millionen für Fluß.

Im Ausland wurde deutlich, dass es auch Grenzen gibt für den neu erwachten Boom von Zero-Kunst, einer 60 Jahre alten Richtung, die auf möglichst ballastfreie und schlichte Werke abzielt. Ueckers Spirale I kam während der Londoner Herbstauktion bei Christie’s zwar auf drei Millionen Euro. Doch Spirale II, das ebenfalls aus dem Jahr 1997 stammt und gleich viel kosten sollte wie sein Gegenstück, ging unverkauft zurück.

Das zweitbeste Resultat des Jahres erzielte – und das war eine Überraschung – der deutsche Nachkriegsmaler Ernst Wilhelm Nay mit 2,3 Millionen Euro bei Ketterer für sein abstraktes Bild Scheiben und Halbscheiben. Das lag weit über dem bisherigen Höchstpreis aus dem Jahr 2011. Damals wurden bei Grisebach die Chromatischen Scheiben aus der Karstadt-Insolvenz für 915.000 Euro versteigert. Dieses Bild war ebenfalls erneut zu haben und trug, wiederum bei Grisebach, 985.000 Euro ein. Wenn man das Aufgeld und die Einlieferungsgebühr berücksichtigt, bleibt keinerlei Gewinn übrig.

Internationaler Kunstboom geht manchmal an Deutschland vorbei

Gerhard Richters Werke sind für Verkäufer immer noch ein Wagnis

An dritter Stelle – und zugleich an fünfter und sechster – rangiert der Maler Max Beckmann mit dem Bild Tiergarten im Winter (1,8 Millionen Euro) bei Grisebach, dem Château d’If (1,7 Millionen) bei Ketterer und mit Braunes Meer und Möwen (1,46 Millionen), wiederum bei Grisebach. Doch gemessen an dem neuen Beckmann-Rekord mit 36 Millionen Euro für die Hölle der Vögel, die man bei Christie’s in London erzielte, wird deutlich, dass die Einlieferer hochpreisiger Bilder eher nach London oder New York als nach Berlin streben. Das verraten auch die Namen auf der Liste der zehn teuersten Bilder weltweit. Die Rekordhalter auf dem Auktionsmarkt wie Andy Warhol, Fernand Léger oder Pablo Picasso erscheinen in deutschen Auktionskatalogen allenfalls mit grafischer Ware.

Ähnliches zeigt sich am Beispiel von Gerhard Richter. Im Auktionshaus Lempertz kam er mit der Landschaftsskizze Teyde auf 916.000 Euro – 292-mal wurden Richter-Bilder schon teurer verkauft. In London erzielte das Gemälde Eisberg in diesem Jahr mit 20 Millionen Euro immerhin das beste Ergebnis für 2017. Das war aber nur die Hälfte des Höchstpreises, der vor drei Jahren in London erreicht wurde.

Richters Werke sind für Verkäufer immer ein Wagnis, schon weil das überbordende Angebot unterschiedliche Qualitäten einschließt und bei Offsetlithografien in beträchtlichen Auflagen für tausend Euro endet. Was, wie man bei Van Ham erfahren kann, zu einer spürbaren Abkühlung der Nachfrage führt – und zu überraschenden Preisrückgängen. Ein Werk, das für Richter nicht "typisch" ist, wie das Abstrakte Bild (583-3) von 1985 bei Karl & Faber bleibt mit 687.500 Euro Auktionsergebnis unter der unteren Taxe oder geht wie in anderen Fällen ganz zurück.

Die Nummer vier in Deutschland gehört zu den exotischen Kunstwerken: 1,8 Millionen Euro erzielte im Stuttgarter Auktionshaus Nagel eine Meiping-Vase im Yongle-Stil. Dasselbe gilt für die Nummer acht auf der hiesigen Rangliste: 1,16 Millionen Euro für die Vase mit Pflaumenblüten, bemalt vom international geschätzten Wang Bu. Allerdings fiel bei beiden auf, wie unsicher die Taxierung war, obwohl doch Ostasiatika inzwischen mehr als die Hälfte des Umsatzes bei Nagel ausmachen.

Die Meiping-Vase erhielt nur einen Schätzpreis von 3.000 Euro. Offenbar traute man dem Siegel nicht und hielt sie – im Gegensatz zu den Bietern – für eine spätere, der Ming-Zeit nur nachempfundene Version. Ähnlich war es bei der von Wang Bu bemalten Vase mit einer Taxe bis 50.000 Euro, wo doch Originalstücke von ihm schon bis zu 827.000 Euro erzielt hatten. Heute regiert aber die Vorsicht, die auch dazu führte, dass Nagel die beiden Vasen in Salzburg versteigerte, um nicht mit dem umstrittenen deutschen Kulturgutschutzgesetz in Konflikt zu geraten.

Manchmal geht der internationale Kunstboom an Deutschland einfach vorbei.