Wie in Zeitlupe neigt Pater Vahan die bauchige Flasche, so behutsam und konzentriert, als müsste er diesen Moment noch einmal zelebrieren. Ein Dutzend Augenpaare verfolgt begierig den dickflüssigen, rötlich braunen Strahl, der in winzige Plastikbecher läuft. Doch schon bei der Hälfte ist Stopp. "Achtung", sagt der Ordensmann und blickt über den silbernen Brillenrand beschwörend in die Runde. "Sie ist wirklich sehr stark."

Sie ist ein süffig-würziger Likör namens Mechitharine und gehört zum Ritual, wenn Pater Vahan Besucher in dem Klosterlabyrinth empfängt, das sich mitten im siebten Wiener Gemeindebezirk versteckt. Eine Handvoll Brüder der Mechitaristen – ein armenischer Orden, der sich einst von der Armenisch-Apostolischen Kirche abgewandt und der katholischen Kirche angeschlossen hat – lebt hier seit mehr als 200 Jahren. Kaiser Franz I. hatte den Patres das aufgelassene Kapuzinerkloster zur Verfügung gestellt, mit einer Auflage: Der Orden dürfe "seinem Staate in keinem Stück zur Last fallen". Lange bestritten die Mönche ihren Lebensunterhalt mit einer großen Druckerei, die den linken Trakt des Konvents ausfüllte. Doch die Anlage ist mittlerweile unrentabel geworden, den Mönchen blieb als wichtigste Geldquelle nur der Likör, den sie im Klosterkeller brauen und seit 1889 in die ganze Welt verkaufen.

Doch die Tropfen, die Pater Vahan an diesem Winternachmittag zum Verkosten ausgibt, könnten zu den letzten gehören: Den Mechitaristen sind die Rezepturen für die sechs Varianten ihres Trunks abhandengekommen.

Wie es sich für einen ordentlichen, mit ein wenig mystischer Aura behafteten Klosterlikör gehört, musste die Rezeptur stets streng geheim bleiben. Immer nur zwei der armenischen Patres in Wien, so wollte es die Tradition, wurden in die Kunst der Likörerzeugung eingeweiht. Einer der beiden, die zuletzt im Keller mazerierten und mischten, ist vor Kurzem verstorben. Und da Geistliche von irdischen Leiden nicht verschont bleiben, kann auch der Zweite keinen jüngeren Mitbruder mehr einweisen. Er lebt mit fortgeschrittener Demenzerkrankung in einer Pflegeeinrichtung.

"Ich weiß auch nicht, wie es passieren konnte, dass das Rezept nicht rechtzeitig weitergegeben wurde." Pater Vahan atmet tief in den Bauch, die Schultern, die dann nach unten fallen, sagen: Hilft jetzt auch nichts. Seit 44 Jahren lebt der gebürtige Syrer mit armenischen Wurzeln hinter den unscheinbaren Klostermauern, um die sich der hippe Bezirk Neubau ausbreitet. Er ist ein kleiner, fideler Herr, dessen armenische Sprachfärbung als weicher Singsang durchklingt, und der sich merklich freut, wenn er Menschen durch das Kloster führen kann.

Besonders für armenische Wientouristen gehört ein Abstecher zu den Mönchen in St. Ulrich zum Pflichtprogramm, selbst wenn sich kein offizieller Reiseführer um sie schert. Zwei- bis dreitausend Besucher begleitet Pater Vahan jährlich durch das Kloster – besser: Er treibt sie voran, wohlwissend, dass zwei Stunden gerade einmal reichen, um einen kurzen Blick in die wichtigsten Winkel geworfen zu haben. Da ist einerseits die prächtige Bibliothek mit den Tausenden wertvollen Handschriften und einem der größten armenischen Buchbestände der Welt. Andererseits gibt es das Klostermuseum: eine riesige Wunderkammer, verteilt über ein verwinkeltes Labyrinth auf vier Stockwerken und verschiedenen Trakten. Manch Sakrales gibt es zu sehen, noch mehr aber ist das Museum ein Panoptikum von Dingen, die irgendeinen Bezug zum in alle Welt verstreuten armenischen Volk haben. Zeugnisse des Genozids finden sich neben Wänden voller mal mehr, mal weniger künstlerisch wertvoller Malerei, Trachten und Teppichen, Münzsammlungen und Musik, Karikaturen und Keramiken. Dazu kommen Kuriositäten wie eine ägyptische Mumie oder ein mittelalterliches Kettenhemd, wie vieles andere Schenkungen wohlhabender Familien aus der armenischer Diaspora an die Mönche in Wien.

In einem der Räume zieht Pater Vahan plötzlich ein großes Einweckglas aus dem Eck und nimmt eine schmale Glasflasche mit vergilbtem Etikett und braunem, dicklichem Inhalt heraus. "1909 soll Kaiser Franz Joseph aus dieser Flasche getrunken haben", erzählt er und muss dabei ein wenig lachen.