Als Mädchen war ich nie zufrieden mit meinen Haaren. Sie waren schulterlang und hellbraun, aber mir waren sie zu dünn und zu glatt. Ich war 17, als ich eines Morgens die kahle Stelle im Nacken spürte. Von dort aus schlich der Haarausfall wie eine Spirale um meinen Kopf herum. Nach einem Monat hatten sich all meine Haare einfach verabschiedet.

Ich leide an Alopecia totalis. Vermutlich eine Autoimmunerkrankung, aber die genauen Ursachen sind unklar. Zuerst sind meine Kopfhaare ausgefallen und dann nach und nach meine komplette Körperbehaarung. Ich habe auch keine Wimpern oder Augenbrauen mehr. Mit 17 war das für mich eine Katastrophe. In der Pubertät findet man ja gerade erst raus, wer man ist. Ich begann an mir zu zweifeln: Kann ich weiblich sein ohne Haare? Bin ich so noch attraktiv? Die Hautärztin wollte mich nicht krankschreiben. Das hat mich wütend gemacht. Meine Mutter erlaubte mir trotzdem, ein paar Tage zu Hause zu bleiben, um mich ein wenig an mein neues Äußeres zu gewöhnen. Mein damaliger Freund hat zu mir gehalten – das war mir wichtig. Und dann kaufte ich meine erste Perücke: ein kastanienbrauner Pagenschnitt mit Pony.

Zum Glück haben meine Mitschüler sensibel reagiert. Blöde Sprüche kamen nur selten. Bald trug ich lieber Tücher oder eine Schirmmütze, um meinen Kopf zu bedecken. Wenn ich ausgegangen bin, habe ich mich stark geschminkt, die Augenbrauen nachgezeichnet und meine schwarze Lederjacke angezogen. Auf dem Kopf trug ich nichts. Das fand ich lässig. So habe ich mir auch kahlköpfig gefallen.

Ich bin heute 48 Jahre alt und arbeite als Lehrerin. Für meine Schüler möchte ich nicht die Frau mit Glatze sein. Ich habe mir deshalb Permanent Make-up auftragen lassen, eine Art Tätowierung, die etwa drei Jahre hält. So sieht es zumindest so aus, als hätte ich Wimpern und Augenbrauen. Außerdem trage ich eine Perücke aus Echthaar, einen dunkelblonden Stufenschnitt mit Pony. Echthaarperücken sind teuer, mein Modell hat 3.700 Euro gekostet. Aber sie sehen natürlicher aus als die günstigeren Kunsthaarmodelle. Meine Beamtenbeihilfe übernimmt davon maximal 250 Euro. Perücken seien nicht Teil ihres Hilfsmittelkataloges, sagen sie. Dabei ist eine Perücke für mich wie eine Prothese. Sie erfüllt zwar keine Körperfunktion, wie eine Hand oder ein Bein, aber ich fühle mich ohne Haare trotzdem unvollständig.

Ich besitze mittlerweile vier Perücken, sie stehen auf Styropor-Köpfen im Schrank. Nur meine Echthaarperücke hänge ich abends kopfüber an einen Haken. So bleibt sie schön fluffig. Sonst kann man auch mit Perücke mal einen Bad-Hair-Day haben.

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Protokoll: Lisa McMinn