I. Rein und klar

So rein und klar wie "Venedisch Glaß" solle die menschliche Seele sein, predigte Pfarrer Johann Mathesius anno 1562 zu Nürnberg. Die Wörter Glas und Venedig waren in dieser Zeit beinahe Synonyme. Und ein Inbegriff des Luxus und des fürstlichen Standes. Farbloses, reines, durchsichtiges Glas, kunstvoll verziert, schufen nur die Venezianer – seit dem Jahr 1300. Andernorts musste man sich mit dem grünen "Waldglas" begnügen.

II. Geheim und isoliert

Erfunden haben die Venezianer die Glasmacherei allerdings nicht. Bereits die Römer pflegten diese Kunst. Und über Byzanz kam sie wahrscheinlich in die Lagune von Venedig. Im Jahr 982 wurde dort erstmals ein Flaschenmacher erwähnt. 1295 hat man die Glasmacherei aus dem Zentrum des mächtigen Stadtstaats auf die Inselgruppe Murano verlegt. Zum einen geschah das, weil die Venezianer fürchteten, dass die Glasöfen eine Feuersbrunst auslösen könnten. Zum anderen wollten sie ihre Glasmacher von Besuchern isolieren, um das Geheimnis von deren Kunst zu wahren – während heute Touristen in großen Gruppen den kurzen Weg nach Murano herüberkommen und die Shows in den Brennereien anschauen. Damals war den Glasmachern selbst hingegen das Reisen verboten. Und bei Verrat ihrer Fertigkeiten an Dritte drohten schwerste Strafen.

III. Abgeworben und abgekupfert

Abgeworben wurden Glasmacher dennoch zu allen Zeiten. Dem französischen König Ludwig XIV. ist das genauso gelungen wie dem preußischen Kurfürsten Friedrich III. Bereits zuvor, im Jahr 1428, entstand in Wien die erste Glashütte, die den Venezianern Konkurrenz machen sollte. Hundert Jahre später folgten welche in Städten wie Lothringen, Antwerpen, Sevilla. Dort versuchten nun alle, Gläser "zimblich schön und der güte nach den muranesischen glösern nit ungleich" herzustellen. Genannt wurden diese Imitate verre à la façon-de-Venise ("Glas in der venezianischen Art"). Gemeint waren das Fadenglas mit seinen parallelen weißen Linien auf Kelch und Schale oder Flügelgläser, deren Stiel symmetrische Ornamente umspielen. Der Vorteil für die Kunden: Gläser à la façon-de-Venise kosteten rund ein Drittel weniger als die Originale.

IV. Schlicht und kunstvoll

Heute lässt sich oftmals nicht mehr unterscheiden, ob ein Glas in diesem Stil einst auf Murano oder nördlich der Alpen gefertigt wurde. Deshalb findet man in Auktionskatalogen häufig die sybillinische Formulierung: "Venedig oder Façon de Venise, 16. Jh." Für schlichtere Gläser muss man in der Regel etwa tausend Euro bezahlen. Für die kunstvollen sind aber auch hohe fünfstellige Beträge durchaus nicht ungewöhnlich.