DIE ZEIT: Frau Beckmann, mögen Sie Pausen auf der Bühne?

Lina Beckmann: Oh ja! Sie können ganz zauberhaft sein. Zumindest dann, wenn sie gewollt sind. Es gibt die Stille, in der sich zwei Menschen nichts mehr zu sagen haben. Es gibt die Stille, in der einer unbedingt etwas sagen will, es sich aber nicht traut. Es gibt die aggressive Stille, in der man weiß: Gleich explodiert’s! Diese Momente kann man als Schauspieler auskosten.

ZEIT: Wie übt man Stillsein?

Beckmann: Die schönsten Pausen entstehen spontan während der Proben. Jemand braucht sehr lange, bis er den nächsten Satz sagt, und alle fühlen, dass es genau so sein muss. Mir gefällt das. Ich liebe es, wenig zu reden auf der Bühne.

ZEIT: Warum?

Beckmann: Durch Sprache wird so viel vorgeformt und gestaltet. Ich finde es manchmal ganz rührend, wenn sich Blicke begegnen, Körper aufeinander reagieren oder wenn jemand einfach den Gang rauf- und runtergeht.

ZEIT: Wie Sie als Astrid in Karin Beiers Schiff der Träume. Sie spielten eine Kellnerin mit Sprachfehler, die nur selten redete.

Beckmann: Die Freiheiten, die meine Figur dadurch hatte, waren wunderbar. Ich musste nicht Sätze sagen wie: "Ach, halten Sie doch den Mund!" Ich konnte einfach böse schauen und mich im nächsten Augenblick körperlich zurückziehen.

ZEIT: Wie haben Sie diese Figur entwickelt?

Beckmann: Ich musste häufig auf der Bühne sein, hatte aber eigentlich keine Aufgabe, außer mal ein Glas reinzubringen oder einen Tisch abzuwischen. Während die anderen ihre Dialoge geprobt haben, habe ich geschaut, wann der richtige Moment ist, hinter der Szene komisch langzugehen. Am Ende der Probe hat mir Karin Beier gesagt, was sie gut fand und was zu viel war.

ZEIT: Würden Sie in einem Stück spielen, in dem kein Wort gesprochen wird?

Beckmann: Sofort!

ZEIT: Ist das Arbeiten ohne Sprache intuitiver?

Beckmann: Bei mir ja. Es gibt Schauspieler, die sich nackt fühlen ohne Sprache. Die müssen bei Proben ganz viel reden. Das verstehe ich, aber ich kriege dann immer zu viel. Ich will machen und ausprobieren und am liebsten dabei schweigen.

ZEIT: Woher kommt das?

Beckmann: Privat rede ich auch nicht gerne. Zu Partys zu gehen und zu plaudern finde ich wahnsinnig anstrengend.

ZEIT: Welche Sätze finden Sie besonders furchtbar?

Beckmann: Ich finde Sätze schlimm, die nichts mit einem machen, weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen: Ach, das ist ja eine ganz besonders schöne Ecke von Italien, in die ihr fahrt ... Und, was macht ihr heute Abend noch? Eine wunderbare Idee, das muss ich auch mal ausprobieren ... Ich komme mir verlogen vor, wenn ich die sage, es sträubt sich alles in mir.