Oskar Lafontaine hat im letzten Spiegel drei interessante Sätze gesagt: "Das Parteiensystem, so wie es heute besteht, funktioniert nicht mehr. Wir brauchen eine Neuordnung. Wir brauchen eine linke Sammlungsbewegung, eine Art linke Volkspartei, in der sich Linke, Teile der Grünen und der SPD zusammentun." Natürlich ließe sich das alles abtun, etwa mit dem Argument, dass Lafontaine eher Jäger ist als Sammler, insofern ungeeignet dafür, eine Sammlungsbewegung anzustoßen. Außerdem könnte man seinen Vorstoß als bloße Taktik verbuchen, weil seine "linke Volkspartei" nur eine pompöse Verpackung für die innerparteilich motivierte Drohung mit einer "Liste Wagenknecht" darstellte.

Trotzdem: Im Grunde hat der Mann recht. Erstaunlicherweise haben sich in den westlichen Demokratien die Parteiensysteme des vergangenen Jahrhunderts recht lange gehalten, obwohl die Bindungskraft der Konfessionen, die Prägewirkung des Proletariats und die Trennschärfe des Liberalismus so rasant nachgelassen haben. Was also eine Christdemokratische Partei wie die Union, was die SPD und die FDP heute noch bedeuten könnten, scheint zunehmend unklar. Obendrein hat auch der binäre Druck, der sich aus dem Ost-West-Konflikt ergeben hatte, deutlich abgenommen.

Aus all diesen Gründen hätte spätestens nach dem Fall der Mauer eine Zersplitterung der Parteiensysteme einsetzen müssen. Es dauerte jedoch mehr als zwei Jahrzehnte. Dennoch hat der Verfall, freundlicher gesagt: der Wandel, nun sogar Deutschland erreicht. Man erkennt es an den überhitzten Machtkämpfen in der Linken und in der CSU, am stillen, aber grimmigen Aufruhr in der CDU, am kompletten Orientierungsverlust der SPD und am uneingestandenen Funktionswechsel der FDP, die nicht mehr staatskritische Staatspartei sein will, sondern rechts von der Merkel-CDU eine neue Heimat sucht.

Zwei Faktoren bewirken all dieses strategische Rumsuchen und taktische Gefuchtel.

Zum einen gibt es eine gewisse Revitalisierung des Links-rechts-Schemas. Man darf heute wieder linker sein als zu den Zeiten des Ost-West-Konflikts, weil das Linkssein nicht mehr als Vaterlandsverrat denunziert werden kann, was möglich war, solange es die Sowjetunion und die DDR gab. Die Unberührbarkeit der Linken ist nicht mehr zu halten, während zugleich ihr Existenzgrund schwindet, wie ihr Mitgründer Lafontaine sehr gut weiß. Denn bei einer wieder etwas linkeren SPD, wie man sie vielleicht schon in zwei Wochen, nach gescheiterten Groko-Sondierungen, erleben wird, steht einer Wiedervereinigung zwischen SPD und Linken objektiv nur noch wenig entgegen. Erste Gespräche darüber hat es auf höchster Ebene schon gegeben.

Ein ähnliches Phänomen findet sich auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums, wo die wachsende zeitliche Entfernung zum Nationalsozialismus überkommene Tabus schmelzen lässt. Dadurch erst wurde der Raum rechts von der Union politisch überhaupt betretbar und die AfD möglich.

Neben dieser Verbreiterung und Verflüssigung des Links-rechts-Spektrums schiebt sich mit fast schon historischer Wucht eine zweite Achse ins Parteiensystem: liberal/autoritär, global/national, ökologisch/gegenwartsrabiat, multikulturell/homogenistisch.

Wie sehr diese zweite Achse das Parteiensystem aufmischt und wie wenig sie im alten Links-rechts-Schema aufgeht, zeigt sich sofort, wenn man sie auf die deutschen Parteien anwendet: Nur die AfD und die Grünen werden dadurch nicht gespalten, weil sie beide fast vollständig auf je eine Seite gehören. Alle anderen Parteien spaltet diese immer wichtiger werdende Polarisierung. SPD und CDU gehören gegenwärtig ungefähr zu zwei Dritteln auf die liberal-globale Seite, bei der CSU mag es halbe-halbe sein, bei der FDP ebenfalls. So oder so werden alle vier durch diese Polarität bedrohlich durchschnitten.

Wie sich das alles nun neu mischt, bleibt vorerst offen. Dass es noch lange so bleibt, wie es war, scheint allerdings unwahrscheinlich. Lafontaine hat einen kleinen Stein geworfen – aber in ein sehr großes Wasser.