Am Ende stand der Vorwurf des Antisemitismus. "Düsseldorf hat Max Stern schon einmal aus der Geschichte ausgelöscht", hieß es in der kanadischen Tageszeitung The Globe and Mail. "Jetzt geschieht das wieder – mit wenig Widerstand von jenen in Deutschland, die es verhindern könnten." Was passiert war? Eine für Februar geplante Ausstellung über den jüdischen Kunsthändler Max Stern war kurzfristig abgesagt worden. Internationale Medien bis hinauf zur New York Times griffen das Thema auf. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, schickte eine Vermittlerin nach Düsseldorf. Und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters ließ die Absage "mehr als bedauerlich" nennen. Schließlich reagierte Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD), weil es kaum mehr anders ging: Auf dem Höhepunkt der Erregung sagte er wenige Tage vor Weihnachten die abgesagte Ausstellung wieder zu. Und bewies damit der internationalen Öffentlichkeit, dass ein sachlicher und unaufgeregter Umgang mit dem Thema NS-Raubkunst in Deutschland auch 72 Jahre nach Kriegsende nach wie vor ein Problem ist.

Dabei hatte alles harmonisch begonnen – mit der freiwilligen Rückgabe eines Bildes aus städtischem Besitz an die Erben von Max Stern: drei Universitäten in Kanada und Israel, die sich im Max Stern Restitution Project zusammengeschlossen haben. 2014 gab die Stadt ein bedeutendes Selbstbildnis von Wilhelm von Schadow in Anwesenheit der kanadischen Botschafterin zurück, durfte es aber als Dauerleihgabe weiterhin behalten. Die gütliche Einigung führte zur Idee einer Ausstellung. Die Leiterin des Düsseldorfer Stadtmuseums, Susanne Anna, erkannte die Möglichkeit, sich und ihr Haus damit zu profilieren. Drei Jahre lang bereitete sie die Ausstellung vor. Mehrfach flog sie nach Kanada, wo Sterns Nachlass aufbewahrt und seit Jahren wissenschaftlich bearbeitet wird. Mindestens einmal wurde sie dabei auch von Oberbürgermeister Thomas Geisel begleitet. Von einer Städtepartnerschaft mit Montreal war gar die Rede.

Der Kunsthändler Stern stammte aus Düsseldorf. Die Nationalsozialisten hatten ihm schon 1933 Versteigerungen untersagt, 1935 folgte dann das Berufsverbot. 1937 musste Stern 228 Werke aus seinem Bestand unter Verfolgungsdruck im Kölner Auktionshaus Lempertz versteigern lassen, um die rettende Flucht ins Ausland bezahlen zu können. Die Reste seiner Sammlung beschlagnahmte die Gestapo, um diesen Bestand ebenfalls versteigern zu lassen. Stern verließ Deutschland am 23. Dezember 1937 mit nichts als einem Koffer. Über Paris und London gelangte er nach Kanada, wo er im Mai 1987 starb. Von 1948 an bemühte sich Stern, seinen Besitz zurückzuerlangen.

Dass es in der Düsseldorfer Ausstellung um Restitution gehen würde, war von Anfang an klar – auch der Verwaltung. Schon im städtischen Jahresbericht Kulturreport 2013/14 wurde angekündigt, dass das Projekt auch das Thema Restitution behandeln werde. Aus dem Stadtmuseum und vonseiten der Nachlassverwalter hieß es zwar im Laufe der Vorbereitungen mehrfach, geplant gewesen sei immer nur eine historische Ausstellung über den Menschen Max Stern und seine Galerie – keine mit Schwerpunkt NS-Raubkunst und Restitution. Doch im ursprünglichen Düsseldorfer Konzeptpapier und in einer Raumskizze, die beide der ZEIT vorliegen, nehmen die Themenbereiche Inventar der Galerie und Max Stern Art Restitution Project mehr als die Hälfte ein. Später erst kursierte ein verändertes Konzept mit anderer Schwerpunktsetzung.

Wie die Ausstellung aber genau aussehen würde, schien bis zuletzt kaum jemanden zu interessieren. "Ich habe das Konzept erst im September angefordert", sagt Kulturdezernent Hans-Georg Lohe, "bei uns gibt es eine Selbstverantwortung der Institutsleiter." So fiel in der Stadtverwaltung offenbar über drei Jahre hinweg niemandem auf, dass nominell zwar die Direktorin des Stadtmuseums für das Vorhaben verantwortlich zeichnete, tatsächlich aber Konzeption und Umsetzung überwiegend in den Händen der Stern-Erben und nahestehender Experten lagen. Als die Verantwortlichen das erkannten, befürchteten sie, hier werde auch in der Frage, welche Bilder von Dritten an die Stern-Erben zurückgegeben werden sollten, allzu einseitig Position bezogen. Die Schau sei "nicht ausgewogen", hieß es. Außerdem habe das Kuratorenteam die Mitarbeiter des Museums oder die städtische Provenienzforscherin nicht einbezogen. Tatsächlich arbeiteten zwei der drei Ausstellungskuratoren für den Stern-Nachlass oder stehen ihm nahe; von den sieben Beiratsmitgliedern stammt nur eines aus Düsseldorf.

Schon im Sommer 2017 stimmten auch die Finanzen nicht mehr. Zuschüsse aus Berlin, auf die das Stadtmuseum gehofft hatte, wurden abgelehnt – rund 200.000 Euro fehlten im Etat. In Kanada fand daraufhin eine Spendensammlung statt, bei der Mitglieder und Freunde der jüdischen Gemeinschaft mehr als 100.000 Euro zusammenbrachten, damit die Ausstellung doch stattfinden konnte.

Susanne Anna sagt zu alldem lieber gar nichts mehr. Obwohl es seitens der Stadt ausdrücklich kein Redeverbot gibt, reagierte sie auf mehrere Anfragen zum Düsseldorfer Desaster nicht. Auch die Kulturverwaltung wollte Anna offenbar schonen. Deshalb ließ die Stadt, als das Prestigeprojekt beendet wurde, eine Erklärung an die Medien verschicken, die einen Zusammenhang zwischen dem Projekt und dem Thema NS-Raubkunst und deren Rückgabe überhaupt erst herstellte: "Aufgrund aktuell laufender Auskunfts- und Restitutionsgesuche in deutschen öffentlichen Einrichtungen, die im Zusammenhang mit der Galerie Max Stern stehen", hieß es darin, habe man sich entschlossen, die Schau abzusagen. Dafür solle im Herbst ein eintägiges Symposium stattfinden, das die städtische Stelle für Provenienzforschung vorbereite. In einer Sitzung am 21. Oktober war die Absage nach Auskunft mehrerer der sechs Teilnehmer einstimmig beschlossen worden, auch von Susanne Anna.