Nach dem Wortlaut des Gesetzes scheint sonnenklar, was geschieht, wenn das Alter eines Asylbewerbers nicht eindeutig zu erkennen ist: Im "Zweifelsfall", heißt es im Paragrafen 42 f des Achten Sozialgesetzbuches, "hat das Jugendamt eine ärztliche Untersuchung zur Altersbestimmung zu veranlassen".

Doch warum werden dann in der Praxis so wenige dieser Zweifelsfälle tatsächlich zu sachverständigen Medizinern geschickt? Zum einen, weil Beamte unter Stress offenbar wenig Zeit und Lust haben, Zweifel anzumelden, die bloß dazu führen, dass Akten endlos auf ihrem Tisch bleiben. Zum anderen, weil laut demselben Paragrafen, der zur medizinischen Untersuchung ermächtigt, diese Untersuchung nicht gegen den Willen des Betroffenen erfolgen darf. Und drittens, weil es letztlich keine Nachteile mit sich bringen muss, wenn ein junger Asylbewerber den Gang zum Arzt oder Zahnarzt verweigert – warum dann der Aufwand?

In Niedersachsen etwa wurden zwischen November 2015 und Mitte Januar 2017 insgesamt 4.927 minderjährige Ausländer in Obhut genommen. Nur 926 von ihnen legten Ausweispapiere mit Geburtsdaten vor, bei 3.213 verließen sich die Mitarbeiter der Jugendämter auf Selbstauskünfte. Bei 683 Personen wurden, so heißt es in einer Antwort der damaligen rot-grünen Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der FDP-Fraktion, "die Selbstauskünfte in Zweifel gezogen". Daraufhin sei eine "qualifizierte Inaugenscheinnahme" durchgeführt worden, was in der Regel heißt: Zwei Sozialpädagogen setzen anhand einer Liste mit Kriterien wie "Körperbau", "Bartwuchs" oder "Gesamteindruck" das Alter fest.

In einer Handreichung für Jugendämter rät das Landesamt für Soziales in Rheinland-Pfalz den Beamten von einer ärztlichen Prüfung ab – mit dieser kuriosen Begründung: "Da die meisten der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge zwischen 16 und unter 18 Jahre alt sind, ist eine medizinische Untersuchung für die Feststellung der Minderjährigkeit zumeist nicht hilfreich und zielführend."

In Niedersachsen wurden letztlich von knapp 5.000 jugendlichen Antragstellern bloß 157 ärztlich untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass 90 der 157 nicht minderjährig, also älter, waren.

Eine Untersuchungsbefugnis, die nur greift, wenn der Betroffene einverstanden ist, und Beamte, die im Zweifel gegen den Zweifel entscheiden – machen es sich Gesetzgeber und Behörden in Deutschland nicht etwas zu einfach?

In Schweden ordnete die Regierung im Sommer 2016 die Altersüberprüfung aller mutmaßlich minderjährigen Flüchtlinge an, an deren Altersangaben Zweifel bestanden. Bis Anfang Dezember hatten Rechtsmediziner 7.858 Jugendliche untersucht, mithilfe von Röntgenbildern der Weisheitszähne und MRT-Aufnahmen der Kniegelenke. Dabei stellte sich heraus, dass knapp 80 Prozent, also 6.328 Personen, älter waren als 18 Jahre. Von 112 weiteren Personen nahmen die Ärzte an, dass sie "möglicherweise" volljährig sind.

Weil Altersüberprüfungen mittels Röntgenaufnahmen keinem Heilzweck dienen, sind sie ethisch umstritten. Allerdings ist auch hier der Grundrechtseingriff geregelt. Die "Röntgenverordnung" sieht vor, dass die Untersuchung nicht nur im Rahmen einer Therapie, sondern auch "in sonstigen durch das Gesetz vorgesehenen Fällen" angewendet werden darf.

Doch selbst wenn der Antragsteller eine solche Untersuchung ablehnt, führt dies "nicht reflexhaft zur Annahme der Volljährigkeit oder aber dem Verlust aller Schutzrechte Minderjähriger", wie es das Landessozialamt Rheinland-Pfalz formuliert. Die Jugendämter können vielmehr nach eigenem Ermessen entscheiden, ob sie den Betroffenen dann aus der Obhut entlassen.