Der Allosaurus hebt kurz den Kopf an, dann lässt er ihn fauchend wieder nach unten kippen. Eine Gruppe Touristen kreischt, einer Frau fällt beinahe der Selfiestick aus der Hand. Alle im Umkreis lachen, auch Mathias Harzhauser. Der 44-jährige Wissenschaftler leitet die geologisch-paläontologische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien, der Dinosauriersaal gehört dazu. Ursprünglich wehrte sich Harzhauser dagegen, einen animierten Dino auszustellen, "weil ich halt auch ein verbohrter Depp bin, der meinte, so etwas hat in diesem feinen Museum nichts zu suchen". Heute ist er froh über den Publikumsmagneten: "Der ist ein Renner, Kinder lieben ihn", sagt Harzhauser, "man darf sich ruhig mal irren, macht ja nichts." Er wirft noch einen Blick auf einen T-rex-Schädel und geht weiter.

Seit 20 Jahren arbeitet Mathias Harzhauser im Naturhistorischen Museum, seit 13 Jahren ist er Abteilungsleiter. Als Wissenschaftler versucht er, die Erdgeschichte zu verstehen, die Millionen Jahre, in denen sich das Klima immer wieder verändert hat, in denen Kontinente sich verschoben sowie Meere gebildet haben und wieder verschwunden sind. Als Kurator betreut er riesige Sammlungen des Museums, die von Forschern auf der ganzen Welt benützt werden. Und als Ausstellungsmacher versucht er, die Geschichte der Erde einem breiten Publikum näherzubringen. 700.000 Besucher gehen jährlich durch die Säle am Wiener Ring. Und sie wollen unterhalten werden, sagt Harzhauser. "Wir müssen ja Geld verdienen. Dafür muss man vom hohen Ross heruntersteigen".

Harzhauser redet schnell, mit Small Talk hält er sich nur wenig auf. Wenn er durch die Gänge des Museums hastet, muss man sich bemühen, an ihm dranzubleiben. Überall liegen Fossilien, Mammutzähne oder Tiermodelle herum.

Ein Lastenaufzug führt tief hinunter, in das vierte Untergeschoss, 16 Meter unter der Erde. Es ist ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlaufen könnte. Nach ein paar Ecken und Abbiegungen steht Harzhauser in einem großen Raum mit niedriger Decke. In beweglichen Schränken lagern Millionen verschiedener Objekte. "Diese Kästen etwa sind voll mit Einzellern und Muschelkrebsen", sagt Harzhauser. Im Museum werden die meisten nie zu sehen sein.

Die Sammlung befriedigt aber nicht nur die wissenschaftliche Neugier: Mit Fossilien lässt sich Geld verdienen. "Wir haben zum Beispiel Projekte mit der OMV", erzählt Harzhauser. Da gehe es etwa um die Frage, wie alt bestimmte Schichten im Wiener Becken seien, einem der größten Onshore-Gasfelder Europas: "Mit Fossilien aus der Gegend lässt sich das beantworten."

Auf der Mariahilferstraße grasen Mammuts, in Liesing liegt ein Meeresstrand

Harzhauser zieht mehrere Schubladen heraus. In der einen sind Hunderte Muscheln aus dem Neogen, dem Erdzeitalter, das vor 23 Millionen Jahren begonnen hat, in einer anderen fast 20 Millionen Jahre alte Haifischzähne, die in Bayern gefunden wurden. "Also recht junge Sachen", sagt Harzhauser und verzieht dabei keine Miene.

Wenn er spricht, wirft er mit den Jahrmillionen um sich. Fünf Millionen Jahre? Das war quasi gestern. Der sogenannte Urkontinent Pangäa? "Der ist doch nur 250 Millionen Jahre alt und kein Urkontinent."

Die Begeisterung für die Geschichte der Erde packte Harzhauser schon früh. Wie viele andere Kinder war er als kleiner Bub von Dinosauriern fasziniert. Er wuchs in der niederösterreichischen Stadtgemeinde Retz bei seinen Großeltern auf, die Eltern arbeiteten in der Gastronomie in Wien. Als Gymnasiast begann er in den Steinbrüchen der Umgebung nach Fossilien zu suchen. Das Weinviertel ist dafür der perfekte Ort, denn früher erstreckte sich hier eine Küste. "Die ganzen Weinkeller stehen in Meeressand, der 18 Millionen Jahre alt ist. Da findet man immer wieder Fossilien", erzählt er.

Als cool galt das seltsame Hobby bei den Jungs seiner Umgebung nicht, aber das war ihm egal. "Die Klassen im Gymnasium waren getrennt, in die einen gingen die Arztsöhne, in die anderen die Bauernkinder – dort war ich", sagt Harzhauser. Die Großmutter motivierte ihn, ein guter Schüler zu werden. Es sei die einzige Möglichkeit, sich von den anderen zu unterscheiden, trichterte sie ihm ein. Er folgte dem Rat. Nicht zuletzt deshalb, weil er so auch die Anerkennung derer bekam, die besser situiert oder sportlicher waren.

Für das Erdwissenschaftsstudium ging Harzhauser Anfang der neunziger Jahre nach Wien. Der Junge vom Land in der großen Stadt genoss die neue Freiheit. Auf der einen Seite war er der Getriebene, der an den Wochenenden weiter in Steinbrüche fuhr, sich am Institut engagierte und an wissenschaftlichen Exkursionen teilnahm.