© Petra Bahr

Alles muss raus. Wintermäntel zu Schleuderpreisen, Handschuhe für schlappe 70 Prozent billiger. Mit dem Weihnachtsequipment ist das auch so. Alles muss raus. Der Baum, über den die Familie seit dem September diskutiert hat, fliegt über das Balkongeländer. Irgendwer saugt die Nadeln weg. Der Baum, vor ein paar Tagen noch das Requisit der Verzauberung, mit Ahs und Ohs und "Weißt du noch?"-Geschichten, ist jetzt nur noch ein nadelndes Ärgernis. Die Lebkuchen schmecken pappig. Weihnachtsgrußkarten verschwinden im Altpapier. Von den Krippenfiguren wird notdürftig das Wachs abgekratzt. Hoffentlich sind die Erinnerungen an das Fest hartnäckiger. Geht das nur mir so, oder kommt die Zeit des "Alles muss raus" immer früher?

"Jetzt beginnt der Neujahrsputz", sagt die Nachbarin und sieht auf unheimliche Weise befreit aus. Dabei beginnt die Zeit für Wintermantel und Handschuh gerade erst, und nach dem Kalender des Kirchenjahrs sind wir noch mitten in der Weihnachtszeit. Leute, lasst wenigstens die Morgensterne in den Fenstern hängen. Die Krippenspiele sind zwar längst aufgeführt, die Heiligen aus dem Morgenland sind aber noch unterwegs, folgt man der biblischen Erzähltradition. Sie kommen erst am 6. Januar an ihr Ziel.

Weihnachten als Event, als Highlight der Christentumsgeschichte, wurde so mit Erwartungen und Dekoartikeln überfrachtet, dass viele Menschen dieses Fest offenbar nur für ein paar Stunden ertragen. Dann ist’s zu viel von allem, im Guten wie im Schlechten. Die Fülle, der Überfluss, der an Weihnachten auch zum Ausdruck kommen soll, weil er zum Zeichen für Gottes Menschenliebe werden kann, verwandelt sich in Überdruss und Katerstimmung. Das, was sich unter dem Baum ereignet hat, wird entweder zur Erinnerung verklärt oder in die Erwartung des kommenden Weihnachtsfestes gewickelt und im nächsten Herbst wieder ausgepackt.

Ich mag diese stillen Weihnachtstage, wenn morgens vor dem Frühstück der Baum schon einmal leuchtet. Das neue Jahr ist noch klein wie das Kind in der Krippe, voller Verheißung, der göttliche Möglichkeitssinn über meinen Lieblings-Fatalismen. Seine Gegenwart zwischen Zeitungslektüre und To-do-Listen. Die Lichter am Baum zünden wir schon vor dem Frühstück an. So verklärt sein Licht diese stillen neuen Alltage. Und die Nadeln am Boden fegen wir einfach unter den Teppich bis zum 6. Januar. Dann feiern übrigens die orthodoxen Christen Weihnachten.