Nina Grunenberg war ein Star, aber kein Promi; Bescheidenheit war ihre größte Zier. Sie hatte kein Abitur, sondern lernte nach der mittleren Reife Buchhändlerin, doch der Bundespräsident berief sie als erste Journalistin in den Wissenschaftsrat. Was sie schrieb, las sich stilvoll, locker und leicht, "mager schreiben" war ihr Prinzip, doch dahinter steckte Schwerarbeit; sie grub sich tief ein in jedes neue Thema. Sie war zu Hause in der Welt, aber ihre großen Serien über ein halbes Jahrhundert deutscher Gegenwart sind Historikern, Politologen und Soziologen zu aussagekräftigen Zeitzeugnissen, zu Quellenmaterial geworden.

Neben Marion Gräfin Dönhoff, Margret Boveri, Carola Stern, Wibke Bruhns, Alice Schwarzer war sie jahrzehntelang eine der wichtigsten und gewichtigsten Journalistinnen der Bundesrepublik. Niemand jedoch hat ihr mehr zu verdanken als die ZEIT, deren Profil und Stil sie lange Jahre entscheidend mitgeprägt hat.

Die Nachricht von ihrem plötzlichen Tod hat mich sehr erschüttert. Es ist 56 Jahre her, dass ich Nina Grunenberg kennenlernte – eine eher schüchterne junge Frau, die 1961 ein halbes Jahr bei der ZEIT volontierte, deren Redaktion ich schon drei Jahre angehörte. Erst nach und nach haben wir damals entdeckt, dass ihre Unaufdringlichkeit nur einer spitzen Zunge und einem losen Mundwerk als Tarnung diente.

Die gebürtige Dresdnerin war 1950 mit ihrer Schwester Antonia über die grüne Grenze im Harz in den Westen gekommen. Sie wuchs in einem Internat der Ursulinen in Köln auf, absolvierte dort in der Herder-Buchhandlung ihre Lehre und durchlief dann die Kölner Journalistenschule von Heinz Stuckmann. Der schrieb seinerzeit regelmäßig für den Länderspiegel der ZEIT. Als er einmal auf einen ausgedehnten Urlaub ging, sprang Nina Grunenberg für ihn ein; unter seinem Namen schrieb sie Artikel, die wir besser fanden als die ihres Chefs. Kurzerhand beschlossen wir daraufhin im Jahre 1961, sie zur ZEIT- Korrespondentin in Nordrhein-Westfalen zu machen. Vier Jahre später holten wir sie dann in die Hamburger Redaktion. Es war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit und Freundschaft.

Ihr eigener Stil: Die reflektierte Porträt-Reportage

Ninas Karriere bei der ZEIT glich einem fabelhaft bunten Bilderbogen. Sie fing im Feuilleton an, wo sie sich mit Forschung und Wissenschaft in Deutschland beschäftigte. In einer Serie über die Kultusminister der Bundesländer zeigte sich zum ersten Mal ihre Begabung für das große Stück: Tatsachenbericht, Biografie, Charakterstudie und think piece, alles auf einmal. Sie bestätigte sich, als sie ins Moderne Leben wechselte und mit der Serie "Die Journalisten" 1967 einen Bombenerfolg erzielte. Als Nächstes schrieb sie eine Folge von Artikeln "Der Staat ganz unten", in der sie die Amtsstuben der Gemeinden, Städte und Landkreise durchleuchtete. In der Reihe "Vier Tage mit dem Bundeskanzler", in denen sie als "Kiebitz auf der Kommandobrücke" Helmut Schmidt von frühmorgens bis spätabends über die Schulter schaute, fand sie endgültig ihren eigenen Stil: die reflektierte Porträt-Reportage.

Als politische Reporterin lieferte sie in den Jahren 1974 bis 1984 ein analytisches Glanzstück nach dem anderen. Sie heftete sich den Mächtigen im Lande an die Fersen und schrieb Elite-Studien von Buchstärke – über Universitätsrektoren, Bischöfe und Botschafter, über Ministerpräsidenten und Chefredakteure, über die bundesdeutschen Generale und Konzernchefs. Nach dem Mauerfall verfasste sie einen Dreiteiler über Helmut Kohl (der sie mochte und ihr einmal nach einem Gespräch einen Saumagen mit nach Hause gab) und einen weiteren über Lothar de Maizière. Ihre letzten großen Serien galten 1998 den deutschen Verlegern und 1999 dem Verhältnis von Staat, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ("Wo spielt die Macht?"). Zwanglos fügten sich ihre Artikel zu einer einmaligen Anatomie der deutschen Führungsschicht.

Sie machte sich die Arbeit nicht leicht. Stets investierte sie viel Zeit und Mühe in die Vorbereitung. Für Die Chefs recherchierte sie ein Jahr lang. Als sie an der Generals-Serie saß, studierte sie nächtens ihren Clausewitz. Für die Diplomaten-Serie – die in die Leseliste eines jeden Attaché-Lehrgangs gehört – las sie alles, was es an brauchbarer Literatur gab, von François de Callières und Benjamin Franklin bis zu Bismarck und Harold Nicolson. Dann erst machte sie sich auf zu einer dreimonatigen Reise durch vier Erdteile, die Frage im Kopf: Sind die Botschafter Briefträger, Mannequins oder Mitgestalter der Außenpolitik?

Von den 120 Botschaften, die wir damals hatten, besuchte sie 21; die nötigen Visa füllten zwei Pässe. In den Koffer packte sie den Pelz für Moskau, das Baumwollfähnchen für Indien und für alle Fälle etwas neutrales Langes. Sie besuchte in Washington Zbigniew Brzeziński, sprach in Dubai mit dem Verteidigungsminister Scheich Mohammed und machte ein Kamelrennen mit, stand in Peking vor Maos Sarkophag, lernte in Freetown Respekt vor Geiern und Schlangen und drückte bei einem "Gipfelessen" in Paris dem französischen Generalstabschef die Hand. Manchmal wusste sie morgens nicht mehr, wo sie gerade war. Sie tröstete sich mit dem albernen Goethe-Wort: "Die Welt ist ein Sardellensalat, er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat."