Weil wir nicht gewusst hatten, wie wir diesen dritten Adventssonntag korrekt erledigen sollten, hatten wir Freunde eingeladen. Die Kinder (Jungs) spielten mit der Mini-Küche unseres Sohnes, woraufhin Anna (Freundin) und ich gerührte Blicke austauschten und beschlossen, die dritte Flasche Wein aufzumachen. Vorher aber musste ich, meiner zwangsneurotischen Aufräumstörung folgend (Lifehack: Psychische Störungen sind mein favorisierter Trick, um klassische Rollenverteilungen in meiner heterosexuellen Paarbeziehung glattzubügeln), noch schnell die Küche aufräumen. "Hasi", sagte Anna sofort, "ich helfe dir natürlich." Wir stritten uns ein bisschen darüber (Ich: "Nein, setz dich hin, Mausi." Sie: "Ich bitte dich, geht doch ganz schnell."). Wir warfen ein paar dieser luftdichten Erwachsenensätze hin und her, in denen ich inzwischen zu Hause war. Wir machten alles, wie es im Drehbuch stand, auch die dazugehörigen Männer hielten sich an das Skript (hätte ich an ihrer Stelle auch so gemacht) und saßen am Esstisch und aßen und guckten auf ihre Telefone, während wir aufräumten.

Und es wäre alles wie immer gewesen und genauso geblieben, wenn ich erstens nicht so viel Wein getrunken hätte, wenn zweitens Anna, mit der ich noch immer in dieses komplett sinnentleerte Fünfziger-Jahre-"Setz dich wieder hin"-Pingpong verwickelt war, mir nicht auf den Fuß getreten wäre und wenn drittens die Männer am Esstisch nicht angefangen hätten, sich über ein Video zu unterhalten, das sie beide gesehen hatten (Politikerinnen sprechen über Sexismus im Deutschen Bundestag). "Typisch", hatte einer der beiden festgestellt und gendersensibel zu mir und der aufräumenden Anna herübergesehen, "war ja klar, dass die von der AfD leugnen, dass Deutschland ein strukturelles Problem mit Geschlechtergerechtigkeit hat." In diesem Augenblick war Anna mir dann auf den Fuß getreten, und ich hatte irgendwie die Fassung verloren. "Setz dich jetzt sofort hin, du Miststück! Auch du bist Teil des Problems, auch du hilfst dabei, die bestehenden Verhältnisse zu reproduzieren, wenn du mir dauernd beim Aufräumen hilfst und wir darüber laute Gespräche führen", schrie ich sie an, die zum Esstisch floh und nach dem Weinglas ihres Mannes greifen wollte. Ich aber kam ihr zuvor, trank es in einem Zug leer und sah dann in schweigende Gesichter. Für einige Sekunden hörten wir nur das Klappern der Töpfe aus der Kinderküche unserer Söhne.

"Sie ist ein bisschen überlastet", versuchte mich mein Freund zu entschuldigen. "Absolutely", entgegnete ich. "Du solltest vielleicht mal diesen Anger-Management-Kurs besuchen, über den wir kürzlich gesprochen haben", sagte Anna, scheinbar gekränkt. "Ach du Scheiße", erwiderte ich, "wenn man es genau nimmt, dann fällt mein Auftritt hier eben auch unter gender-based violence. Bin ich jetzt hier der Sexist, oder was?" – "Jetzt mach Anna nicht zum Opfer!", rief ihr Mann. "Mach lieber mal so ein Ayurveda-Retreat oder eine Detox-Kur, was weiß ich." – "Viel zu teuer", sagte mein Freund. – "Ja, aber du solltest deine Freundin schon irgendwie angemessen dafür bezahlen, dass sie immerzu eure Wohnung aufräumt. Wer von Sexismus redet, darf von Ordnung nicht schweigen", erklärte Anna meinem Freund augenrollend. – "Entweder wir werden ordentlich, oder wir sind Sexisten?", fragte mein Freund und tastete seine Hosentaschen nach Zigaretten ab, was er immer tat, wenn er sich aufregte, obwohl er längst nicht mehr rauchte. Wir nickten.

Mein Freund öffnete noch eine Flasche Wein. "Ich habe mich schon darauf eingelassen, dass wir nicht heiraten, damit du dich fortschrittlich fühlen kannst. Aber wenn wir verheiratet wären, könntest du mindestens zwei Ayurveda-Retreats pro Jahr machen. Und jetzt lass mich in Ruhe." Er sprang auf und ging zur Spülmaschine, die er demonstrativ auszuräumen begann. "Lass mich das machen", schrie ich und sah mich schuldbewusst um. "Wirklich nur wegen der Zwangsneurose!" Aber mein Freund ließ nicht mit sich reden. Nervös sah ich ihm dabei zu, wie er die Spülmaschine ausräumte, und fragte mich, ob das gerade vielleicht auch irgendwie eine Bevormundung war.