DIE ZEIT: Frau Neiman, vor 100 Jahren stürzten in Deutschland die Throne. Haben Sie den Eindruck, die Deutschen leiden manchmal unter Phantomschmerz?

Susan Neiman: Nein, aber es gibt noch immer Reste des obrigkeitsstaatlichen Denkens, die mich ärgern. Zum Beispiel, dass bei jeder Veranstaltung zuerst die höchste anwesende Hoheit begrüßt wird, dann die zweithöchste, dann die dritthöchste und irgendwann, ganz zum Schluss, der Pöbel, die "Damen und Herren".

ZEIT: Die Deutschen haben übertriebene Ehrfurcht vor Honoratioren und Regierenden?

Neiman: Aus der Ferne überschüttet man sie gern mit Häme. Aber wenn sie einem gegenübertreten, hat der Umgang mit Amtsträgern fast etwas Kriecherisches – diese Unterwürfigkeit, sogar bei selbstbewussten Sozis und Liberalen, wenn sie einem Minister oder nur einem Staatssekretär begegnen. Das ist weder in den USA üblich, wo ich herkomme, noch in Israel, wo ich lange gelebt habe.

ZEIT: Sie kennen Deutschland seit Anfang der achtziger Jahre. Wie haben sich die Deutschen seither verändert in ihrer Haltung gegenüber Autoritäten?

Neiman: Trotz AfD zum Besseren. Das zeigt sich auch an der größeren Offenheit Fremden gegenüber – ein zuverlässiger Indikator, wie liberal eine Gesellschaft ist. Zum anderen haben sich die Deutschen von mancher Übertreibung erholt, die der antiautoritäre Kampf der sechziger und siebziger Jahre mit sich gebracht hatte. Eines meiner Kinder war hier in einem Kinderladen, Mitte der Achtziger. Alles, was die Eltern gemacht hatten, galt nichts mehr. Alles sollte ganz, aber auch ganz anders sein. Das ist zum Glück vorbei.

ZEIT: Und im Osten? Lebte der preußisch-deutsche Untertanengeist dort unter dem Mantel der SED-Diktatur fort? Haben die neuen Rechten dort deshalb so viel Zulauf?

Neiman: So denkt der typische Wessi! Ja, prozentual gibt es im Osten mehr AfD-Anhänger. Absolut aber sind es im Westen mehr. Die Herablassung der Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen schockiert mich immer wieder. Die DDR-Geschichte reduziert sich am Ende auf fünf Buchstaben: Stasi. Aber es ist falsch, zu glauben, dass DDR-Bürger entweder IMs oder duckmäuserische Untertanen waren. Westdeutschland muss seine Beziehungen zu Ostdeutschland erst noch aufarbeiten.

ZEIT: Die westdeutsche Gesellschaft hat Liberalisierungsprozesse durchlaufen, wie sie die ostdeutsche nicht erfahren hat.

Neiman: Es stimmt aber auch, dass in autoritären Staaten viele Menschen eine ganz eigene Art von aufklärerischem Selbstdenken entwickeln. Wo Zensur herrscht, sehnt man sich nach Büchern und Ideen und wird im Untergrund aktiv.

ZEIT: Die AfD-Politikerin Doris von Sayn-Wittgenstein hat den Deutschen kürzlich ein "Bedürfnis nach Führung" attestiert. Trifft das einen Nerv?

Neiman: In Deutschland? Das glaube ich nicht.

ZEIT: Selbst Sozialdemokraten wie Sigmar Gabriel reden neuerdings von "Leitkultur" ...

Neiman: Es gibt sicherlich einen Wunsch nach Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit – nach allem, was unser modernes Dasein uns verweigert. Aus diesem Bedürfnis schlagen Fundamentalisten jeglicher Couleur Profit, ob es jetzt Islamisten sind, evangelikale Christen oder völkische Nationalisten. Wer denen nachrennt, mag ein "Bedürfnis nach Führung" verspüren.

ZEIT: Spätestens seit der Trump-Wahl vor einem Jahr lesen wir, dies sei das Votum der "Abgehängten".

Neiman: Klar, in manchen Gegenden ist die Arbeitslosigkeit hoch, und die Städte sind ausgestorben. Doch das allein hat Trump nicht ins Amt gebracht. Dahinter steht eine tiefe rassistische Tendenz in allen Schichten. Es ist für das Bürgertum natürlich beruhigend, zu denken, es seien mal wieder "die da unten", die Probleme machen.