Seit dem 1. Juli 2016 sind Plastiktüten in vielen Geschäften in Deutschland kostenpflichtig. Die EU fordert ohnehin, dass bis spätestens 2025 der Verbrauch von Plastiktüten auf 40 Stück pro Kopf und Jahr zurückgeht. Da kam die freiwillige Selbstverpflichtung des Handelsverbands HDE gerade recht. Dessen Präsident Josef Sanktjohanser sagte damals: "Der Handel steht bereit, seinen Beitrag zum Umwelt- und Ressourcenschutz zu leisten."

Aber ist eine Selbstverpflichtung tatsächlich das richtige Instrument?

Mehr als 350 Unternehmen beteiligen sich an der Aktion, auch große Häuser wie C&A, Media Markt/Saturn und Karstadt. Seit sie Tüten nur noch gegen Geld abgeben, ist der Verbrauch gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres um 33 Prozent auf 3,7 Milliarden Stück gesunken. Den weitaus größten Teil davon machen klassische Plastiktüten mit einer Wandstärke zwischen 15 und 50 Mikrometern aus. Die Rechnung basiert auf Angaben für 2016, das erste Jahr der Selbstverpflichtung. Neuere Daten wird es erst im Sommer geben.

Doch die Statistik hat Lücken, sie umfasst nämlich nicht alle Tüten. Sehr dicke, sogenannte Mehrwegtaschen sind nicht enthalten. Ebenso wenig die sehr dünnen "Hemdchenbeutel", die in den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte ausliegen und die nach wie vor kostenlos abgegeben werden. Für die Umweltbilanz des Handels ist aber entscheidend, wie Verbraucher reagieren, wenn sie für eine herkömmliche Plastiktüte zwischen 15 Cent und einem Euro zahlen sollen.

Vielleicht packt jemand sein neu gekauftes T-Shirt im Kaufhaus wirklich in den Rucksack oder in die Handtasche. Im Supermarkt lassen sich kleinere Einkäufe aber auch in den kostenlosen Hemdchenbeuteln mitnehmen. Andere Kunden weichen auf Papiertüten oder Baumwollbeutel aus. "Es gibt auf jeden Fall Substitutionseffekte", sagt Kurt Schüler, Geschäftsführer der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung, die den Plastiktütenverbrauch in Deutschland misst. Ebenfalls sehr beliebt sind Varianten aus dickerem Plastik – ähnlich den kostenpflichtigen Tragetaschen von Ikea.

Die Hersteller von Plastiktüten werben außerdem für dickere Tüten, etwa mit einer Wandstärke von 70 Mikrometern, die seien besonders stabil und könnten mehrfach genutzt werden. Eine Verbesserung sei das aber nicht zwingend, argumentiert Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. "Auch Plastiktüten mit einer Wandstärke bis zu 100 Mikrometern haben noch einen Einwegcharakter", sagt er.

Wie oft solche dicken Tüten tatsächlich wiederverwendet werden, wird nicht erhoben. Landen diese aufwendig produzierten Taschen nach ein oder zwei Nutzungen im Mülleimer, ist ihre Umweltbilanz schlechter als die der dünneren Plastiktüte. Das gilt auch für Papiertüten. Sie haben zwar den Vorteil, dass sie sich schneller zersetzen. Wegen des höheren Energieaufwands bei der Herstellung ist ihre Umweltbilanz aber nur dann besser, wenn sie mindestens dreimal genutzt werden. Ähnlich sieht es beim Baumwollbeutel aus: Der muss sogar 131-mal benutzt werden, um besser dazustehen als die Plastiktüte. Diese Zahlen gehen auf die Untersuchung Life cycle assessment of supermarket carrier bags der britischen Umweltbehörde aus dem Jahr 2011 zurück. Eine Untersuchung der Schweizer Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) aus dem Jahr 2011 sieht den Baumwollbeutel schon ab der 20. Nutzung im Vorteil. Die Zahlen unterscheiden sich je nachdem, wie etwa die Tüten produziert wurden, wie dick sie sind oder mit welchen Faktoren die Umweltbilanz berechnet wurde. An dieser Stelle wird deutlich: Verbraucher tun nur dann etwas für die Umwelt, wenn sie die Plastiktüte vermeiden – und nicht bloß ersetzen. Deswegen sind auch Erfolgsmeldungen aus anderen Ländern mit Vorsicht zu betrachten. Etwa die, dass der Verbrauch von Plastiktüten in Großbritannien innerhalb eines Jahres um 85 Prozent gesunken ist, seit sie umgerechnet sechs Cent pro Stück kosten.

Nicht nur Unternehmen selbst, auch der Staat hat zahlreiche Möglichkeiten, Verbraucher zu umweltfreundlichen Entscheidungen zu bewegen. Dazu gehören Verbote, Steuern, Abgaben oder Zertifikate, sagt Erik Gawel, Leiter des Departments Ökonomie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Er schränkt allerdings ein: "Bei all diesen Maßnahmen muss man abwägen, ob mehr Bürokratie der Umwelt tatsächlich hilft."

Italien beispielsweise gehört zu den Ländern, die herkömmliche Plastiktüten verboten haben. Im Sinne der Umwelt war das aber nicht, erklärt Thomas Fischer von der Umwelthilfe: "Dort wurden die Plastiktüten einfach durch Bioplastiktüten ausgetauscht." Diese werden aus Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr hergestellt, deren Anbau viele Ressourcen kostet. "Das Verbot in Italien hat der Umwelt kaum etwas gebracht, weil der unreflektierte und massenhafte Verbrauch von Plastiktüten nicht verhindert wird", sagt Fischer. Die Umweltbilanz der Recyclingtüten ist nicht besser als die der Plastiktüte, auch weil sie sich im kalten Salzwasser nicht zersetzen. Im aktiven Umweltschutz gelte es deshalb, das Preis-Leistungs-Verhältnis von Produkten zu verändern. Das umweltfreundlichste Produkt müsse auch für den Verbraucher die optimale, also billigste Entscheidung sein, sagt Umweltökonom Gawel: "Mit bloßen moralischen Anreizen werden Sie den Menschen nicht umerziehen können."

Der Handelsverband HDE hat nicht alle Händler überzeugen können, ein Entgelt auf Plastiktüten zu erheben. Zahlreiche Imbissbuden, Kioske und kleinere Einzelhändler geben sie weiterhin gratis ab. Wer bei der freiwilligen Maßnahme nicht mitmacht, muss auch keine Sanktionen befürchten. "Die Wirtschaft setzt dann Selbstverpflichtungen auf, wenn sie strengere Regelungen verhindern will", sagt Gawel. "Im Kleingedruckten wird dann versucht, das Ganze möglichst wenig schmerzhaft zu gestalten." Den meisten Verbrauchern ist das wohl ganz recht. Ihnen sei der Schutz der Umwelt zwar wichtig, sagt der Umweltökonom, konsequent nach diesem Ideal handeln würden sie aber nicht. "Wenn man keine Tüte dabeihat, ist es einfach viel bequemer, sich für die billige Tüte und gegen den Umweltschutz zu entscheiden", sagt er. So ist es zwar richtig, dass sich der HDE für weniger Plastiktüten einsetzt. Ob die Umwelt und die Ressourcen aber tatsächlich geschont werden, hängt weiterhin vom einzelnen Verbraucher ab.