Zum Jahresende hin hatte mich die Kraft verlassen, und ich war zunehmend matt. Journalismus, dachte ich ächzend, ist ein aufreibendes Geschäft: Immer diese lästigen Recherchen, bei denen die tollen, steilen Thesen zerbröseln. Immer diese ätzende Wirklichkeit, die fast nie so aufregend und eindeutig ist, wie man sich das als Autor wünscht. Immer wieder dieses Lügenpresse-Geschwätz, als wäre nicht jeder Job als Redenschreiber in einem Ministerium besser bezahlt als das hier. Und dann auch noch all die billigen Klischees, die man beim Schreiben tunlichst vermeiden sollte!

Ich war nämlich gerade drauf und dran gewesen, eine leicht melancholische Anekdote niederzuschreiben, die damit beginnen sollte, dass ich in einem Taxi saß. Aber Herrgott: Ein Journalist in einem Taxi, es gibt wirklich nichts Abgedroscheneres.

Liest man Journalistenkolumnen oder diese kurzen Einschübe, in denen "der Reporter" oder "der Interviewer" nebenbei mal zum Wesentlichen kommt – nämlich zu sich selbst –, denkt man ja, unsereins sitze ständig im Taxi. Eilig auf dem Weg in die Redaktion, eilig auf dem Weg zum Flughafen oder zu irgendeinem geheimen Termin in einer Kaschemme am anderen Ende der Stadt. Taxi, Taxi, Taxi. Und das ist natürlich Unfug. Die Spesensituation des Journalismus ist ja mittlerweile nur noch knapp besser als bei, sagen wir, Finanzbeamten.

Aber die Sache ist: Der Alltag als Journalist, mit Stapeln von Ausdrucken auf dem Schreibtisch, in zähen Konferenzen oder bei Interviews am Telefon, der gibt nicht allzu viel her, was für eine halbwegs interessante Szene taugt – außer eben den Dialog mit dem Taxifahrer, der in diesen Kolumnen und Einschüben wirklich immer ein Mann, dazu ein sehr guter Beobachter der Gegenwart und außerdem ein Garant für die Weltsicht des Journalisten ist. Sonst würde die Taxiszene nicht im Text landen.

An dieser Stelle muss man vermutlich kurz erklären, was mit "Szene" überhaupt gemeint ist. Nämlich: eine lebhafte, im besten Falle sinnbildliche Momentbeschreibung. Reisereportagen oder Porträts fangen gerne so an: "Nebel dampft über dem Mekongdelta, die Fischer schieben ihre Kähne ins gleißende Licht, einer schnippst eine Zigarette ins Wasser." Oder: "Die Honoratioren des Dorfs sitzen an den Bierzeltgarnituren. Die Blaskapelle wartet. Der Minister kommt – doch halt! Er muss noch pinkeln." Solche Szenen sollen das Große im Kleinen spiegeln. Das Klein-Klein des Journalistenalltags ist allerdings recht profan. Man sitzt viel am Schreibtisch. Eine Taxifahrt kann sich schnell als Höhepunkt einer Recherche ausnehmen.

Ich war also erschöpft, hatte verschlafen, meine persönliche Batterieanzeige leuchtete rot auf: unter 20 Prozent Restenergie. Nichts ging mehr. Außer das Taxi, das mich schnell zum Termin bringen musste. Der Fahrer hatte das Radio an, schimpfte über Politik und Lügenpresse, weil es immer schön ist, wenn man einen Sündenbock hat. Er war gesprächig. Was machen Sie beruflich?, fragte der Taxifahrer. Ich zögerte, ich überlegte, ich rang mit mir. Dann nuschelte ich: Werbung.