Wenn in Nigeria Erntezeit ist und die Bauern auf den Feldern arbeiten, weiß Abdulrazaq Habib, dass er in den nächsten Monaten wenig schlafen wird. Der Medizin-Professor aus der nigerianischen Provinzhauptstadt Kano fährt dann ins acht Stunden entfernte Kaltungo General Hospital, wo Tag für Tag kleine Landbusse halten und Patienten abladen: Männer, die kaum noch atmen können, Kinder, denen Blut aus den Ohren läuft, Frauen, die Blut spucken. Schnell sind alle Betten belegt, die Kranken liegen dann auf dem Boden, auf der Veranda, in den Fluren. Abdulrazaq Habib schickt niemanden weg: Er weiß, wer von einer Schlange gebissen wurde, für den ist das Krankenhaus die einzige Chance zu überleben.

Das Gift, das eine Schlange beim Biss in die Wunde injiziert, enthält Toxine, die schwere Blutungen verursachen, Gewebe zerstören, Muskeln und Nerven lähmen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO vergiften Schlangen jährlich 2,7 Millionen Menschen, die meisten davon in Süd- und Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Seit einigen Monaten führt die WHO Schlangenbisse deshalb als vernachlässigte Tropenkrankheit.

Dabei ist die Therapie einfach: Ein Gegengift, ein sogenanntes Antivenom, kann die Toxine neutralisieren und die Vergiftung rückgängig machen. Trotzdem töten Schlangen jährlich mehr als 100.000 Menschen, dreimal so viele überleben die Vergiftung, sind jedoch auf Dauer behindert. Sie sind blind, haben Arme verloren oder können Bewegungen nicht mehr koordinieren.

"In einem Jahr fallen Schlangenbissen mehr Menschen zum Opfer als dem Ebola-Virus seit der Entdeckung 1976", sagt Abdulrazaq Habib, der als einer der weltweit wichtigsten Experten auf seinem Gebiet gilt. "Aber weil Schlangenbisse sich nicht wie eine Infektion über Grenzen hinweg verbreiten können, gibt es dafür im industrialisierten Westen kaum Aufmerksamkeit."

Giftschlangen können auch nicht wie ein Virus einfach ausgerottet werden – dadurch würde man ganze Ökosysteme destabilisieren. Die ländliche, meist arme Bevölkerung muss mit ihnen koexistieren. Dabei können schon einfachste Interventionen helfen. Viele Bauern, die Habib in der Erntezeit behandelt, arbeiten barfuß auf den Feldern – schon ein Paar Gummistiefel hätte einige von ihnen vor einem Biss bewahrt.

Bei einem Schlangenbiss ist medizinische Versorgung in vielen Regionen weit entfernt. "In Nepal erreichen 80 von 100 Menschen, die an einem Schlangenbiss sterben, kein Krankenhaus", sagt Sanjib Sharma, der am BP Koirala Institute of Health Sciences in Dharan im Osten Nepals zu Schlangenbissen forscht. "Aber selbst wenn sie es rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen, ist die Behandlung sehr unterschiedlich. Viele Ärzte und Pfleger wissen nicht, wie man mit Schlangenbissen umgeht."

Sharma hat deshalb mit der WHO einen Leitfaden für die Behandlung in seinem Land entwickelt. Das größte Problem bleibt allerdings die Versorgung mit Antivenomen. Oft haben Krankenhäuser die teuren Präparate nicht vorrätig. "Eine Behandlung kostet zwischen 100 und 300 US-Dollar, je nachdem, wie viele Dosen nötig sind. Das ist oft mehr, als die Patienten in einem halben Jahr verdienen", sagt Habib. "Allein schon die Kosten des Transports zum Krankenhaus stürzen viele Familien in riesige finanzielle Schwierigkeiten."

So entsteht ein Teufelskreis: Weil sich nur wenige Opfer die Medikamente leisten können, nimmt die Nachfrage ab, und es werden weniger Antivenome produziert. Dadurch steigt der Preis. Dieser Prozess zeigt sich am Fall des hocheffektiven Antivenoms Fav-Afrique, das gegen das Gift von zehn Schlangenarten wirkte: Weil immer mehr billige, aber unwirksame Konkurrenzprodukte den Markt überschwemmten, sank die Nachfrage für Fav-Afrique stark. Schließlich stellte Sanofi Pasteur die Produktion ein.

Antivenome wie Fav-Afrique können Leben retten, wenn niemand weiß, von was für einer Schlange der Patient gebissen wurde. Immer mehr Wissenschaftler forschen deshalb an der Entwicklung universell anwendbarer Antivenome. Solche Präparate wären allerdings noch teurer und für viele afrikanische Regierungen unerschwinglich.

Hilfe könnte von unerwarteter Seite kommen: Einige staatliche Labore in Lateinamerika arbeiten an kostengünstigen Antivenomen gegen das Gift bestimmter afrikanischer Schlangen. Costa Rica produziert bereits ein Mittel zu einem Preis, der nur die Entwicklungs- und Produktionskosten deckt.

In Teilen Lateinamerikas funktioniert die Versorgung mit Antivenomen durch den Staat besser als in Afrika. "Trotzdem sterben immer noch zu viele Menschen an Schlangenbissen", sagt der Mikrobiologe José Gutiérrez von der Universidad de Costa Rica. Er hält eine Verbesserung der medizinischen Versorgung für nötig, um das zu ändern. Der Nigerianer Habib sieht das ähnlich, betont aber: "Wenn wir nicht auf den Handlungsbedarf bei Schlangenbissen aufmerksam machen, wird sich allein durch Investitionen ins Gesundheitssystem nichts am Sterben ändern."

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