Seine E-Mail-Nachrichten spickt er mit schweizerdeutschen Begriffen: En Guetä!, wenn er die Nachricht kurz vor Mittag verschickt. En Schönä!, wenn er gegen Abend auf "Senden" drückt.

Nun sitzt Hicham Elachir, 39, in einem Lokal am Zürcher Hauptbahnhof und erzählt, wie es kam, dass er, der arabisch- und französischsprachig in Colmar aufgewachsen ist, heute fast perfekt Schweizerdeutsch spricht. "Ich weiß, seit ich ein Kind war, was es in Frankreich heißt, Hicham zu heißen", sagt er. "Man gehört nie ganz dazu, hat es schwer, wenn man eine Wohnung sucht, einen Job. Und man lernt: Man muss besser sein als die anderen."

Nach einer Ausbildung zum Mechaniker, der Berufsmatur, einem Fachhochschulstudium in Kunststofftechnik und ein paar Jobs fand er eine Arbeit ennet der Grenze in Crissier, in der französischsprachigen Schweiz. Nach acht Jahren beim Autoimporteur Amag kam das Angebot, für die Firma in die Deutschschweiz zu wechseln. Interessanterer Job, höherer Lohn, aber eine Bedingung: "Du musst Deutsch können!"

Sprachtalent Hicham nennt es heute die Chance seines Lebens, die jeder Mensch nur einmal erhalte – und die es zu packen gelte. Also schreibt er sich an einer Sprachschule in Basel ein, geht hin. Ein Jahr lang, zweimal pro Woche, nach Feierabend. Gleichzeitig tritt er die neue Stelle in Schinznach im Kanton Aargau an. Die Familie in Frankreich sieht ihn in jener Zeit kaum mehr.

Am Arbeitsplatz wird ihm aber bald klar: Wenn ich Deutsch spreche, bin ich der Ausländer. Ich will aber dazugehören." Also beschließt er, Schweizer Mundart zu erlernen.

Wo aber eine Sprache lernen, die es so gar nicht gibt, sondern als eine Vielzahl von Mundarten? Für die es weder eine standardisierte Rechtschreibung noch eine Grammatik gibt?

Nach langer Suche stößt er auf einen Kurs an der Université Populaire in Mulhouse und fährt fortan samstags dorthin. 34 Kilometer hin, 34 Kilometer zurück.

Seit dem Treffen mit Hicham Elachir sind ein paar Wochen vergangen. Es ist kalt und windig, viele Geschäfte sind noch geschlossen in Mulhouse. Oder mit Plakaten behängt: A louer.

Die Arbeiterstadt kämpft gegen eine hohe Arbeitslosenquote. Sie liegt bei rund zehn Prozent. Würden nicht täglich 30.000 Elsässer in die Schweiz, nach Basel, aber auch in die Kantone Solothurn und Aargau pendeln, wäre sie noch höher. Doch in den letzten Jahren wurde es schwieriger, in der Schweiz Arbeit zu finden. Anspruchsvolle Jobs werden häufig an Deutsche vergeben. Die Franzosen seien weniger gut ausgebildet, heißt es. Die Elsässer pflegten ihren Dialekt nicht mehr.

Den Elsässer Dialekt gibt es so wenig wie die Schweizer Mundart, sondern eine Vielzahl von alemannischen und fränkischen Dialekten, die, je südlicher gelegen, desto besser verständlich sind für Schweizer und die dem Klang nach an Baseldeutsch erinnern. Wörter französischer Herkunft werden mit der deutschen Grammatik-Endung verwendet: Statt wählen heißt es dann schwasieren, abgeleitet vom französischen choisir.

Im Schulzimmer von Sabine Lubow geht es um viel. Um Lebensziele, Wünsche, um die Vision für das eigene Leben. Und um die Frage, ob man seine Träume verwirklichen kann, wenn man sein Bestes gibt. Oder wie es auf Schweizerdeutsch heißt: Sis Beschte gä. Sabine Lubow schreibt den Satz Buchstabe für Buchstabe an die Wandtafel. Es ist das einzige Möbelstück neben Tischen und Stühlen im lachsfarbenen, schmalen Schulzimmer der Volkshochschule.

Eine halbe Zugstunde von Basel entfernt lernen Ökonominnen, Chemikanten und Schichtarbeiter, Verkäuferinnen und Informatiker Schweizerdeutsch. Warum tun sie sich das an?