Den Soziologen Zygmunt Bauman kann man einen "Makrosoziologen" nennen. Er ist also keiner aus dem Heer seiner Kollegen, die Binnenstrukturen einer Gesellschaft untersuchen und Statistiken darüber verfassen.

Das soll man nicht geringschätzen, zumal die Makrosoziologie auch ihre Tücken hat: Ich kenne einen Soziologen, der gerne spöttisch von der "quasselnden Kaste" spricht – ungeachtet, dass er selber zu ihr gehört. Aber das Quasseln stellt sich oft automatisch ein, wenn man – wie die Makrosoziologen – von den großen Zusammenhängen spricht, die empirisch schwer zu fassen sind und die die Neigung erzeugen, von den Details am liebsten nur jene gelten zu lassen, die einem ins Konzept passen.

So wichtig die kleinteiligen Untersuchungen sein mögen, so unausweichlich bleibt es, sich mit den großen Zusammenhängen zu befassen, mit dem Rahmen, in dem alle Details passieren und von dem sie nicht wenig von ihrer Bedeutung bekommen.

Einer Zeitfrage ist dieses Buch gewidmet: Zygmunt Baumans Retrotopia. Es ist das letzte Buch Baumans, er ist 2017 gestorben, und es hat eine einleuchtende, dringliche These: Fünfhundert Jahre nachdem Thomas Morus den Begriff "Utopia" für die zukünftige Errichtung des Himmels auf Erden erfand, setzen sich nostalgische Denkweisen durch, die sich nicht mehr aus der Zukunft speisen, "sondern aus der verlorenen, geraubten, verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit".

Dazu passt die weltbekannte Parole: "Make America great again!" Klingt ja nicht unvernünftig, warum sollte jemand nicht lieber Präsident eines großen als eines mickrigen Landes sein? Das Problem ist nur, dass man sich die Größe aus der Vergangenheit verspricht, zum Beispiel aus dem Wiederaufbau alter Schwerindustrien. "Make America great again!" heißt auch: Sie haben uns der Größe beraubt, sie liegt in einer Vergangenheit, an die wir jetzt – gegen die anderen – anknüpfen werden.

Anstelle von Utopia tritt die "Retrotopia". Nostalgie sei, so eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin, "zwar ein Gefühl des Verlusts und der Entwurzelung, zugleich aber auch eine Romanze mit der eigenen Fantasie". Politisch ist das eine gefährliche Mischung. Sie erklärt sich aus Behausungsproblemen in dieser Gegenwart, und so lautet eine Schlüsselstelle von Retrotopia: "Eine Nachbarschaft voller Fremder ist ein sicht- und greifbares Zeichen dafür, dass sich die Gewissheiten verflüchtigen und die Lebenschancen – ebenso wie die Möglichkeiten ihrer Verwirklichung – außer Kontrolle geraten."

Zygmunt Bauman: Retrotopia 
Aus dem Englischen von Frank Jakubzik; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 220 S., 16,– €, als E-Book 15,99 €