Für die SPD ist es eine der Schlüsselfragen: Wie können Spitzenverdiener "stärker an der Finanzierung staatlicher Aufgaben" beteiligt werden, wie es Fraktionschefin Andrea Nahles formuliert? Führende Christdemokraten lehnen Steuererhöhungen jedoch kategorisch ab. So wird hinter den Kulissen bereits ausgelotet, wie sich die beiden Positionen miteinander vereinbaren lassen.

Wenn die Steuersätze für Normalverdiener gesenkt und für Spitzenverdiener angehoben werden, bedeutet das nicht unbedingt, dass Spitzenverdiener auch tatsächlich mehr Steuern bezahlen. Das liegt daran, dass die Steuergutschrift für Normalverdiener automatisch auch auf das Einkommen von Spitzenverdienern angerechnet wird. Wenn ein Normalverdiener mit einem Einkommen von 50 000 Euro um 5000 Euro entlastet wird, dann erhält diese 5000 Euro auch ein Spitzenverdiener mit einem Einkommen von 100 000 Euro. Die gesamte Steuerbelastung steigt für ihn erst, wenn dieses Guthaben durch die höheren Steuersätze auf das zusätzliche Einkommen aufgezehrt worden ist. Koalitionstaktisch betrachtet, eröffnet das große Gestaltungsspielräume.

Ein Kompromiss könnte so aussehen: Normalverdiener werden entlastet, und die SPD bekommt einen höheren Spitzensteuersatz, was für die Sozialdemokraten ein wichtiger symbolischer Sieg wäre. Die Union setzt dafür durch, dass dieser Satz erst ab einem höheren Einkommen als bislang greift, wodurch auch viele Besserverdiener entlastet werden.

Beide Verhandlungsseiten interessieren sich derzeit sehr für das Steuerkonzept des niedersächsischen SPD-Ministerpräsidenten Stephan Weil, das dieser im Wahlkampf hatte berechnen lassen. Weil schlägt vor, den Spitzensteuersatz von 42 auf 49 Prozent zu erhöhen, dafür soll er nicht mehr wie bisher ab einem Jahreseinkommen von etwa 55 000 Euro anfallen, sondern erst ab 150 000 Euro. Eine Familie mit zwei Kindern würde dann erst ab einer Grenze von 18 700 Euro im Monat tatsächlich mehr Steuern bezahlen – das ist auch für Unionswähler eine Menge Geld.