Die Mohnpünktchen treibt es umher, und auch der Sesam hat sich gelöst, fliegt frei übers weiße Backpapier, denn nichts hält ihn mehr, keine Zuckerpampe und kein Blätterteig. Längst hat das süße Gebäck, eine Schnecke, an der eben Mohn und Sesam noch klebten, selber Halt und Form verloren, liegt halb zerrissen da und wird bestimmt gleich verschlungen. Wären da nicht die fünf gelblichen Zähne. Zähne, die aus dem Herzen der Schnecke ragen.

Es ist wie bei einem überbordenden Stillleben des Barock, auf dem alles Duft ist und Üppigkeit und man erst auf den zweiten Blick die Fäulnis sieht und von den Maden daran erinnert wird, dass die Freude nur Trug ist. Hier, in der süßen Schnecke, ist der Trug eine Prothese. Und man kann sich nicht sicher sein, ob sie vielleicht ein Bäcker zu früher Morgenstunde verlor. Oder ob der Fotograf sie eingebacken hat, als Memento mori sozusagen. Gar als Allegorie einer Gegenwart, die sich in nimmermüder, von keiner Karies zu bremsender Gier von innen heraus zu verschlingen sucht.

Hat es Torbjørn Rødland, 1970 in Stavanger geboren, so gemeint? Wohl kaum. Die Bilder dieses Fotografen neigen nicht zu aufgescheuchter Kulturkritik. Sie stellen niemanden bloß, reportieren kein Unglück, wollen die Welt nicht fest- und gesichert halten. Eher gehört es zu Rødlands Kunst, ins Offenkundige etwas Unwahrscheinliches einzuschleusen, rätselhaft, unauflösbar. Auch um so der glatten, stets an die Wirklichkeit gefesselten Fotografie zu unverhoffter Freiheit zu verhelfen.

Wie lakonisch er das macht, mit welcher Freude am Absurden, lässt sich gerade in einer Ausstellung in Berlin besichtigen. Zähne kommen da gleich mehrfach vor, diese kleinen, unschuldigen Dingerchen, deren malmende Kraft man ihnen nicht wirklich ansieht. Aber auch Haare scheint Rødland zu mögen, vielleicht hat er ein paar vom Friseur mitgebracht, jedenfalls streut er sie über ein paar Apfelsinen, die still auf einer Tischdecke liegen, herrlich glatt und sonnig leuchtend. Man muss dieses Foto nicht lange betrachten, schon sieht man – als inneres Bild –, wie die Poren sich öffnen, ein Flaum heranwächst, lauter Fellfrüchte, behaarte Orangen. Und dieses Bild trägt man dann mit sich, bis zum nächsten Obsthändler auf jeden Fall.

Wer jetzt an die Künstlerin Meret Oppenheim denkt und ihr bepelztes Geschirr, liegt keineswegs verkehrt. Rødland spielt mit dem Vermächtnis der Surrealisten, obwohl viele seiner Bilder, die Landschaften vor allem, gut ohne jede magische, träumerische oder sonst wie überweltliche Zutat auskommen. Geheimnis, ja, aber bitte kein Geraune.

Oft gelingt Rødland die wunderbar beiläufige Balance von Zufall und Konstruktion, und selbst wenn er ein Kind im Vogelkäfig fotografiert oder Wattestäbchen zwischen Christbaumkugeln, lässt sich kaum mit Gewissheit sagen, ob er einfach nur den ganz gewöhnlichen Unsinn ablichtet, den jedes Familienleben hervortreibt, oder ob er das Kuriose sucht und raffiniert in Szene setzt. Im Zweifel liegt die Wahrheit seiner Bilder irgendwo dazwischen.

Die technische Perfektion allerdings, die Sorgfalt seiner analogen Fotografie unterscheiden diesen Künstler, der in Los Angeles lebt und sich international längst einen Namen gemacht hat, deutlich von vielen Kollegen seiner Generation. Anders als Teller oder Tillmans, die bewusst eine Ästhetik der Nonchalance und des Nebenher kultivieren, um möglichst glaubhaft zu erscheinen, steht Rødland eher der Becher-Schule und ihrer Kontrolllust nahe. Vor allem mit dem Licht betreibt er einigen Aufwand, oft lässt er es hinter seinen Sujets aufscheinen, sodass sie weniger be- als erleuchtet wirken und man unwillkürlich danach Ausschau hält, was wohl in der Tiefe dieser Bilder stecken mag, unter ihren Oberflächen.

Zugleich treten diese Oberflächen in den Vordergrund, seltsam paradox, denn Rødland wählt seine Ausschnitte oftmals so eng, dass die Motive keinen rechten Ort, keine bestimmte Zeit mehr besitzen. Sie sind gelöst aus jeder Konkretion. Und so entwickelt sich ein von Darstellungs- und Begründungszwängen befreites Spiel mit Struktur und Form, wenn etwa der Männerarm eines Bodybuilders, nackt und von dicken Adern durchzogen, nach dem Fuß einer Frau greift, deren Beine von einer Netzstrumpfhose überzogen sind. Das Derbe und das Feine, das Überzüchtete und das Zuchtvolle – Rødland mag Gegensätze, die ein gemeinsames Spiel beginnen.

Manchmal schleicht sich dann auch Ekel in Rødlands Bilder, aus dem Ärmel eines Pullis entschlüpft der Arm eines Kraken und wickelt sich lila-schleimig um die Hand eines Menschen. Oder es wickeln sich, herrlich kurios, Wiener Würstchen, zur Kette gereiht, um den Leib einer Frau und legen ihn in schmackhafte Fesseln, als brühfähige Bondage sozusagen.

Ebenso oft kippen Rødlands Motive in eine stille Bedrohlichkeit, wenn etwa der Kopf eines kleinen Jungen seitlich auf einer glatten, schwarzen Tischplatte liegt und zwei Hände nach ihm greifen, seinen Nacken umfassen, sein Haupt bedecken, dann will man es gerne als behüteten Augenblick verstehen – und sieht doch die Verletzlichkeit des Kindes und ahnt, wie leicht aus der zärtlichen eine erstickende Zuneigung zu werden vermag. Rødland lockt die Betrachter in eine Nähe, die sie das Ferne suchen lässt. Doch setzen die Bilder sich in ihnen fest, wie die Zähnchen in der Schnecke.

Bis zum 11. März im Ausstellungshaus C/O Berlin, parallel werden dort die Fotoarbeiten von Joel Meyerowitz gezeigt.