Frage: Herr Poschardt, hatten Sie besinnliche Weihnachten?

Ulf Poschardt: Ja, wie immer.

Frage: Wir hätten eigentlich vermutet, dass die Feiertage für Sie unruhig waren: Mit einem Tweet um 0.48 Uhr am ersten Weihnachtsfeiertag haben Sie eine tagelange Debatte ausgelöst. Sie kritisierten, dass Ihre Christmette Sie eher an einen Abend bei den Jusos oder der Grünen Jugend erinnert habe – und ernteten einen regelrechten Shitstorm. Bekamen Sie da keine Angst?

Poschardt: Nein. Zum einen bin ich seit Jahren kotsturmerprobt, zum anderen habe ich das gar nicht so genau verfolgt. Wenn die Familie feiert, hat man nicht so viel Zeit, um ständig auf sein Smartphone zu blicken. Ausmaß und Form der Erregung wurden kopfschüttelnd registriert. Die Laune am Festtagspaziergang hat es nicht tangiert. Zwischen Hauptgang und Dessert habe ich dann mal launig geantwortet. Insgesamt hielt sich der Einsatz in Grenzen. Aber jeder neue Tweet von mir fachte die Debatte weiter an. Ich war erstaunt, wie viele meiner chronischen Kritiker Christentum und Kirche lieben. Claudius Seidl hat sich auch darüber gewundert, wer jetzt alles zur Betschwester wird, um mir eins drüberzuziehen.

Frage: Wissen Sie noch, wo, in welcher Situation, Sie Ihren Tweet abgesetzt hatten?

Poschardt: Ja, nach der Rückkehr nach Hause. Es war still und beschaulich, ich blickte auf den Weihnachtsbaum und die Krippe und dachte: Ein kleiner Tweet für meine wenigen Follower, denen es auch so gegangen ist. Es war kein Ärger in mir, sondern eher ein amüsiertes Kopfschütteln.

Frage: Was genau hatte Sie denn an der Predigt gestört?

Poschardt: Wie die Autorin Carolin Emcke es später im Verlauf der Twitter-Debatte so schön formulierte: Es war eine polemische Verwunderung darüber, dass die Predigt im Gottesdienst wenig theologische, metaphysische Bezüge enthielt und im letzten Drittel vor allem politisch klang. Und dass es eine in Teilen entwertende, verletzende Sprache war, die dort verwendet wurde. Das wollte ich kritisieren.

Frage: Und wie haben Sie die Debatte dann erlebt?

Poschardt: Als sehr unterschiedlich. Diese erhitzten Debatten folgen ja strengen Ritualen und Liturgien, an deren Regeln sich Kommunisten wie Neonationale gerne einhellig halten. Zwei Dinge empfand ich als besonders bitter: den Opportunismus einiger Scheinheiliger, die sich sonst nicht sonderlich interessieren für das Wohl und Wehe von Kirchen und Christen. Und dann die Maßlosigkeit der Kritik, gipfelnd in Jürgen Trittins Tweet, der aus mir einen Nazi, Antisemiten und Rassisten machen wollte. Er war damit nicht der Einzige, aber in jedem Fall der prominenteste Hater. Solche Hass-Tweets bekomme ich sonst nur von AfDlern.

Frage: Warum, glauben Sie, haben viele Linksliberale so scharf auf Sie reagiert, so unerbittlich?

Poschardt: Das linksliberale "Lager" hat sich von seiner schlimmsten und besten Seite gezeigt. Die unsichtbare Trennwand in der Debatte war eine metaphysische. Teile der Grünen verstehen sich als zivilreligiöse Bewegung, die ihren Wählern anbietet, mit einem Kreuz bei ihnen dem Paradies auf Erden einen Schritt näher zu kommen. Bei den Sozialdemokraten ist dies deutlich weniger präsent. Aber auch da waren es sozialreligiöse Schwärmer, die mich am liebsten mundtot gemacht hätten. Sie sahen in mir den Ketzer, der das zivilreligiöse Fundament unserer Gesellschaft infrage stellt. Und sie haben damit recht. Ich stelle es infrage. Ich bin Laizist aus Überzeugung und finde gleichzeitig, dass die Religion in der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen darf. Und die beste Seite? Das waren Intellektuelle und Künstler wie Igor Levit, Sascha Lobo und Carolin Emcke, mit denen ich sonst rituell über Kreuz liege, die mich aber verteidigten, als die Attacken maßlos wurden. Sie fanden, dass Kritik auch an Predigten möglich sein müsse, ohne den Kritiker direkt an einen Pranger für Ketzer zu stellen. Sie bemühten sich um eine Versachlichung der Debatte. Eine neue alte Rolle für den aufklärerischen Intellektuellen.

Frage: Es klingt so, als hätten Sie sich nicht zum ersten Mal über eine Predigt geärgert.

Poschardt: Nein, allerdings nicht. Wir hatten in der Welt am Sonntag vor Jahren nach den Weihnachtspredigten mal eine Doppelseite mit Predigtkritiken gedruckt. Das war damals schon eher vernichtend. Leider. Die Predigtkultur ist möglicherweise verkümmert.

Frage: Sie haben schon länger dieses Gefühl, dass Kirche zu politisch geworden ist?

Poschardt: Na klar. Evangelische Kirchentage sind von grünen Parteitagen oft nur schwer zu unterscheiden. Die Rolle des Pfarrhauses für die deutsche Politik ist von Gudrun Ensslin über Angela Merkel bis Katrin Göring-Eckart und Frauke Petry kaum zu unterschätzen. Politik ist in Deutschland viel zu sehr säkularisierte Religion. Am schlimmsten ist das Gift des säkularisierten Protestantismus.

Frage: Seit Ihrem Tweet wird bundesweit über die Politisierung der Kirchen diskutiert. Kölns Kardinal und der EKD-Ratsvorsitzende meldeten sich zu Wort, aber auch Politiker und Intellektuelle. Hätten Sie gedacht, dass Ende 2017 noch einmal derart kontrovers über eine Predigt diskutiert werden würde?

Poschardt: Nein, das hätte ich nicht gedacht. Mein Tweet war harmlos. Dass er diese Wirkung entfaltete, hatte wohl damit zu tun, dass sich Kritiker wie Claqueure damit identifizieren konnten. Über die Debatte bin ich nach Tagen dankbar. Es kommen jetzt auch klügere und differenziertere Beiträge.

Frage: Hatten Sie am Weihnachtsabend das Gefühl, dass auch andere Gottesdienstbesucher sich an der Predigt gestört haben?

Poschardt: Ja, auch anderen schien es so gegangen zu sein.

Frage: Und haben Sie dem Pfarrer dann eigentlich Ihre Meinung beim Abschied vor der Kirche gesagt – oder sind Sie via Twitter gleich damit an die Öffentlichkeit gegangen?

Poschardt: Leider habe ich an dem Abend nicht mit ihm gesprochen. Ich hatte es kurz überlegt, auch und vor allem, weil es in dieser Weihnacht so schön war. Unser Gesang, die tolle Exegese der Weihnachtsgeschichte des Pastors. Alles, bis der letzte Teil der Predigt begann und ich auch spürte, wie sich andere Kirchenbesucher vor den Kopf gestoßen fühlten. Ich habe es dem Pastor nicht gesagt, weil ich keine Diskussion um halb eins in der Nacht wollte. Das war falsch. Auch weil unser Pfarrer ein ausgezeichneter Seelsorger und ein toller Prediger ist, klug und theologisch bewandert.