Wer einen Hang zur Zahlenmagie hat und sich in der Geschichte auskennt, merkt schnell: Umbrüche lieben neben der Neun auch die Acht: 1618, 1648, 1848, 1918, 1968. Wir Menschen aber lieben die Umbrüche nicht. Denn nach ihnen wurde die Welt jeweils eine radikal andere. Trotzdem sehnen wir uns gleichzeitig alle nach Veränderung.

Jetzt, wo unsere Republik politisch so zerrissen scheint und sich eine rechte Volksbewegung parlamentarisch etabliert, wird besonders unerbittlich über 1968 gestritten, diesen kurzen Moment zwischen den Ordnungen, den der Philosoph Walter Benjamin als "Tigersprung der Geschichte" bezeichnet hätte. Dabei geht es nicht um einzelne historische Begebenheiten, sondern um die Chiffre 1968. Der Altachtundsechziger mag inzwischen der Lächerlichkeit in Comedy-Shows ausgesetzt sein, seine Werte, Mythen und Sozialutopien sind unverwüstlich. Seit 50 Jahren. Die Steinewerfer-Debatte um Joschka Fischer, die Päderastie in linken Kinderläden, die Daniel Cohn-Bendit politisch mitzuverantworten hatte: Der Koloss strauchelte, fiel aber nie. Zu tief ist er in der Gesellschaft verwurzelt.

Die Chiffre 1968 steht also bis heute für die einen für Frauenemanzipation, Friedenspolitik und die radikale Befreiung von bürgerlichen Erziehungs- und Bildungsmustern, für die anderen markiert sie die Zeit des Autoritätsverlustes und der Zersetzung von Staat, Universität und Kirche. Doch 1968 alles anzulasten hieße, diese Zahl noch stärker zu überhöhen.

Denn mittlerweile sind es längst nicht mehr die Linken, die ihren alten Aufbruch stilisieren, sondern ihre Gegner, die diese Phase auf negative Weise mystifizieren. Als unseliges Erbe gelten da der genderorientierte Sexualkundeunterricht, die Gleichstellung Homosexueller und die Unterhöhlung des Lebensschutzes. Ein Großteil des AfD-Parteiprogramms liest sich wie eine Abrechnung mit der 68er-Generation. Sie zogen in den Augen der AfD leider nicht alle Jesuslatschen an und entschwanden auf ewig im klapprigen VW-Bus nach Kathmandu, sondern sie stiegen in ihre Unterwanderstiefel und pflegten den "Marsch durch die Institutionen" bis an die Spitze der Macht. Mit historischen Umbrüchen hat es die AfD eh nicht so. Die Karrieren der Bundeskanzlerin und des letzten Bundespräsidenten wurden erst nach der Zeitenwende 1989 möglich. Danach wurde es in den Augen der AfD nur noch schlechter.

Obwohl sie etwas gegen gesellschaftliche Umbrüche und Fortschritte haben, sehnen die Neurechten ihren eigenen Umbruch herbei. Eine Wende soll es sein, die ihnen die Macht in die Hände treibt. Ein letzter großer Umbruch, der alle weiteren nach ihm schon im Keim ersticken soll. Das ist der Traum eines jeden Reaktionärs, der die Festschreibung seiner Macht auf ewig herbeizwingen will. Das ist die Quadratur des Kreises. Eine letzte Revolution noch, aber dann nie mehr eine!

Wann ist endlich Schluss mit dem Multikulti-Internationalismus der 68er? Sie haben, so der rechte Vorwurf, den Deutschen die Heimatliebe verleidet. Die gnadenlose selbstherrliche Abrechnung mit der Schuldverstrickung ihrer Nazi-Väter habe zu einem Zivilisationsbruch in Sachen Tradition geführt, heißt es.

Es ist zu viel der Ehre, den 68ern so viel Macht zuzugestehen. Die "geistig-moralische Wende", die Helmut Kohl nach seiner Wahl zum Bundeskanzler ankündigte, hat genauso die Gesellschaft verändert wie die Stürmer und Dränger der Sechziger. Das kabarettistische Gelächter, das "Birne" damals entgegenschlug, ahnte noch nichts vom Umbau der sozialen Marktwirtschaft in eine neoliberalistische Profitökonomie, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderging. Hat der Neoliberalismus nicht auch zu ebenso gravierenden Verwerfungen unseres Lebens geführt wie alle Anstrengungen der 68er? Nicht alles, was heute schlecht ist, haben gestern die Linken verbrochen.

Inzwischen hadern auch immer mehr konservative katholische Christenmenschen unter Papst Franziskus mit seinen womöglich liberalen Reformen in der Kirche. Dabei genügt eigentlich ein Blick in die Bibel, um zu erkennen, dass die Heilige Schrift eine lückenlose Chronik dramatischer Umbrüche ist. Hätte Moses sein Volk aus Ägypten in die Wüste geführt, wenn er nicht der Rache des Pharao entfliehen wollte? In der Nähe der Widrigkeiten gedeihen die besten Ideen, erst unter Druck wird das Notwendige als das die Not Wendende angegangen.

Und doch ist die Furcht vor einem Wandel nur menschlich. Was man hat, will man nicht verlieren, und wer nichts hat, kann alles riskieren. Die Dynamik unserer Lebensgestaltung wird seit unserem schnöden Platzverweis aus dem Garten Eden – auch ein Umbruch übrigens – vom Umbruch bestimmt. Wer sich dem Zeitgeist entgegenstellt, stärkt damit nur die Gegenbewegung, die er zu verhindern sucht. Wenn jemand in der Lage wäre, einen Umbruch zu verhindern, dann müsste ihm klar sein: Danach ist nichts mehr wie zuvor. Ein Beispiel: Die Enzyklika Papst Pauls VI. gegen die Pille von 1968 konterkarierte die libertäre Auferstehung des Zweiten Vatikanischen Konzils, die sechs Jahre früher stattgefunden hatte. Dieser Anachronismus gegenüber dem Zeitgeist trieb viele Katholikinnen und Katholiken von der Kirche weg. Sie wurden nie wieder versöhnt. In Sachen Umbrüchen gilt die protestantische Kirche dagegen als äußerst wendig. Theologinnen und Theologen wie Dorothee Sölle, Helmut Gollwitzer und Martin Niemöller haben die linke Corporate Identity der evangelischen Landeskirchen entscheidend mitgeprägt.

Auch 2018 werden gravierende Umbrüche stattfinden, die kein soziologischer Wünschelrutengänger bisher ausloten kann. Die Kirche in Rom steht vor einer inneren Zerreissprobe, die Regierungen in Polen, der Türkei, Russland und Ungarn schaffen eine bedrohliche Situation aus Sicht des westlichen Parlamentarismus. In Österreich macht die Republik einen Rechtsschwenk. Diese Art von Umbruch wird uns 2018 noch massiv beschäftigen. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. So steht es bei Hölderlin. Ganz im Geist von 1968 erschien 1970 das Standardwerk der Gestalttherapie zum Aushalten von Wandel mit dem Titel Don’t Push the River (It Flows by Itself). Dieser Satz von Barry Stevens könnte in Umbrüchen hilfreich sein: Du kannst den Fluss nicht zwingen, er fließt von selbst.