Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Ich bin nicht vernetzt und bin’s nie gewesen. Früh verheiratet, war ich in den Studienjahren abends und an den Wochenenden bei der Familie statt auf den Partys. Meine Westberliner Großmama hat mir damals verbotene Bücher mitgebracht, wenn wir uns am Bahnhof Friedrichstraße trafen. Verbotene Bücher, bei deren Übergabe an einer Transitstrecke meine Kommilitonen aufgeflogen sind, eine konspirative Studiengruppe, von deren Existenz ich erst nach dem Studium erfuhr.

Auch ich wollte unser sehr einseitiges Philosophiestudium insgeheim erweitern, hab aber von den geheimen Treffen nichts mitbekommen, obwohl wir uns täglich sahen in den Vorlesungen und Seminaren zur Logik, Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie, zur Philosophiegeschichte. Hegel und Kant durften wir lesen: als frühe "Vormarxisten". Als ich eines meiner verbotenen Bücher an einen Kommilitonen auslieh, war es der falsche, und ich saß alsbald der Stasi gegenüber, wie übrigens jene konspirative Studiengruppe auch, von der ich als Student nichts wusste. Sie waren untereinander bestens vernetzt, konnten sich Halt geben, auch bald den Verräter ausmachen.

Ich hab meine Fühler nie weit genug ausgestreckt, um Anschluss zu finden. Hab allein opponiert und hatte allein mit den Folgen klarzukommen, sie in meiner Familie zu vertreten, der ich nach einem generellen Arbeitsverbot kein Ernährer mehr sein konnte. War auch in keinem dieser Kirchenkreise für Andersdenker und fühlte mich irgendwann von Feinden umzingelt: Jeder, der sich mir näherte, stand allein dadurch unter Verdacht, von der Stasi beauftragt zu sein.

Heute hab ich zu keinem meiner Auftraggeber eine mehr als berufliche Beziehung, besuche keine Empfänge. Kein Socializing. Ich sage mir, die Vermengung von Beruflichem und Privatem sei unredlich, aber das ist ein Alibi meiner Menschenscheu. Meine Vernetzung ist die eines Einsiedlers, sie ist hergeholt und vertrackt wie ein Satz von Immanuel Kant, den mein zum Broterwerb untaugliches Studium in mir hinterlassen hat. Als ich jetzt nachschlage, erkenne ich die Passage als Stoßseufzer eines Aufklärers, den es, wie mich, fröstelt in seiner aufgeklärten Welt: "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheit verhüllt oder im Überschwänglichen, außer meinem Gesichtskreise suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz." Daran will ich mein Genüge finden.