Hofmaler Pietro de Pomis verherrlichte um 1620 Kaiser Ferdinand II. als katholischen Glaubenskrieger. © akg

Als sie merkt, das Ende ist nah, will Christina Pataki ihre Kinder Eva, Maria und Andreas noch einmal wissen lassen, dass es ihre Mutter gibt. Sie nimmt, was sie hat, rund 50 Gulden, und vertraut das Geld einem Kaufmann an. Der Kaufmann soll die Gulden mitnehmen nach Hause, ins mehr als 300 Kilometer entfernte Kärnten, und das Geld dort an ihre Kinder verteilen. Seit 20 Jahren hat Christina Pataki die drei nicht mehr gesehen. Das Haus Habsburg will es so. In Siebenbürgen, einer unterentwickelten Region am Rande des habsburgischen Imperiums, soll sie leben, getrennt von Heimat und Familie. Und dort stirbt sie wohl auch um das Jahr 1769.

Christina Pataki hat nichts verbrochen. Sie ist Protestantin. Aber das reicht damals in Österreich schon, um Kinder und Besitz zu verlieren und von Soldaten bewacht in den Osten deportiert zu werden. Doch selbst dort, in Siebenbürgen, hofft Christina Pataki, Eva, Maria und Andreas wiederzusehen irgendwann. Dem Tode nah, schreibt sie ihnen am 28. Januar 1769 einen Brief: "Liebe Kinder, und ob ich schon in dieser welt, die gnad, eur angesicht zu sehen, nicht überkommen könne, so lebe ich tröstlicher zuversicht, das ich euch im jenner leben gewiß sehen werde und sagen möge: Herr, hier bin ich und die meinen, die du mir gegeben hast."

Mit dem Brief der Christina Pataki könnte der Text an dieser Stelle enden. Ihr Leid ist so persönlich und einzigartig, dass kein historischer Abriss der Vertreibung der Protestanten aus Österreich dem gerecht werden kann. Gleichzeitig aber ist ihr Schicksal auch typisch: Mächtige Männer machen Geschichte, doch sucht sich die Geschichte normale Menschen wie sie, um deren Leben aus der Bahn zu werfen. Am Ende ist Christina Pataki allein, aber ganz allein eben auch nicht. Bis zu 30.000 Protestanten müssen ab den dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts aus Kärnten, der Steiermark, dem Salzkammergut und Salzburg emigrieren oder "transmigrieren". Letzteres ist ein Euphemismus der Täter, korrekt müsste es heißen: Sie werden deportiert.

Wen die Soldaten wie die Bauersfrau Christina Pataki nach Siebenbürgen verschleppen, der muss damit rechnen, an einer Seuche zu sterben, am Hunger und der Einsamkeit. Viele verlieren in der Fremde das Leben. Aber auch diese Toten sind nicht allein. Sie werden Teil einer mehr als 200-jährigen Geschichte. Die Geschichte handelt von Vertreibung und Unterdrückung, von Ausplünderung, Bespitzelung und Entrechtung.

Das sind die Werkzeuge, mit denen die Habsburger ihre Vorstellung von Katholizismus verteidigen gegen die vemeintlichen Häresien Martin Luthers. Entwurzelte Protestanten wie Christina Pataki, schreibt der Wiener Historiker Stephan Steiner in einer Studie über ihr Schicksal und das der Protestanten aus Kärnten, "stehen an der Geburtsstunde aller neuzeitlichen Deportationen in Mitteleuropa, vielleicht sind sie sogar deren Geburtsstunde". Lange war es unmöglich, in Österreich über das Leid der Protestanten zu sprechen. "Bis ins 19. Jahrhundert hinein", erklärt Karl Vocelka von der Universität Wien, "war eine kritische Aufarbeitung der Rekatholisierung durch die Geschichtsschreibung politisch nicht gewollt." Das hatte Folgen. Noch heute würden, so Vocelka, die meisten Österreicher beim Wort "Vertreibung" an die Juden denken, die nach 1938 ins Exil gingen, nicht jedoch an die Vertreibung der Protestanten.

Dabei sei der "Verlust an Menschen und Intellektualität" ähnlich "gravierend" gewesen, glaubt Vocelka. Dabei leben bis heute kaum mehr als 300.000 Evangelische in der Alpenrepublik, während laut Statistik zwei von drei Österreichern trotz Säkularisierung immer noch katholisch sind. Doch statt zu fragen, wie der Katholizismus inoffizielle Staatsreligion werden konnte, nehmen die meisten Österreicher ihn als gottgegeben hin. Doch gottgegeben war er nie.

Es gab eine Zeit, da war Österreich kurz davor, abzufallen von Rom. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war das, als die Wittenberger Druckerpressen Martin Luthers Thesen in ganz Europa verbreiteten. Vor allem beim Adel und bei den Städtern in Wien findet die neue Lehre schnell Anhänger. Es dauert nicht lange und in der Hauptstadt der Habsburger ist bald "kaum mehr eine Spur zu finden", wie der Hofprediger Martin Eisengrein im Jahr 1569 notiert, "dass man in Wien einmal katholisch gewesen war".

Nur das Kaiserhaus zeigt sich unempfänglich für den neuen Glauben. Kaiser Ferdinand I. duldet ihn zwar widerwillig und aus Mangel an Alternativen, versucht aber gleichzeitig, der Verbreitung mit verschärfter Zensur beizukommen. Mit überschaubarem Erfolg: Als sogar Ferdinands Sohn, Kronprinz Maximilian, mit Luther liebäugelt, scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Österreich zum Hoffnungsland für Reformierte wird.

Doch es kommt anders. Weil Maximilian selbst als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Angst hat, sich zum Protestantismus zu bekennen; weil seine Nachfolger, alles gute Katholiken, ihn als schwarzes Schaf der Familie betrachten und versuchen, sein Erbe zu tilgen aus der Geschichte; weil kurz nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges Ferdinand II., ein katholischer Fundamentalist, die Geschicke Österreichs lenkt und den Krieg dazu nutzt, um mit dem Protestantismus im eigenen Land aufzuräumen ein für alle Mal.