Computerspiele machen Spaß. Sie erzählen spannende Geschichten, der Spieler kann darin eintauchen und sogar an der Erzählung mitwirken. Dank der Games kann jeder von uns ein Held sein – oder Rennfahrer oder Fußballspieler.

Sie vermissen die Schattenseiten, von denen immer geredet wird? Die Online-Rollenspieler, die nicht mehr vom Bildschirm wegkommen? Ja, die gibt es. In Taiwan starb 2015 ein Gamer nach dreitätigem Dauerzocken an Herzversagen. Andere werden abhängig von Handyspielen. Beispiel: Flappy Birds. Der Entwickler selbst nahm das Erfolgsspiel 2014 vom Markt, wegen Suchtgefahr.

Jetzt reagiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In ihrer neuen Klassifikation von Krankheiten, kurz ICD, nimmt sie "Gaming Disorder" voraussichtlich als eigenständige Erkrankung auf. Drei Hauptsymptome nennt sie für die Diagnose: Der Spieler hat nur eingeschränkte Kontrolle über das Spielen (wie Dauer oder Häufigkeit). Die Games verdrängen andere Interessen in seinem Leben. Der Spieler zockt weiter, obwohl negative Konsequenzen aufgetreten sind. All diese Krankheitszeichen müssen mindestens ein Jahr lang auftreten.

Die neue Auflage des ICD soll im Mai verabschiedet werden. Doch schon jetzt hagelt es Kritik. Natürlich von Zockern, aber auch von Experten: Die American Psychology Association nennt die Entscheidung voreilig. Videospielsucht sei unzureichend erforscht. Zudem basiere das Verständnis von Sucht auf dem des Drogenmissbrauchs, das sich nicht einfach auf einen übermäßigen Medienkonsum übertragen lasse. Und im Journal of Behavioral Addictions warnen 24 Experten, darunter Psychologen und Pädagogen, vor unnötiger Panikmache.

Sie haben recht. Schon heute stehen Computerspiele unter Generalverdacht. Jedem Amoklauf folgt eine Debatte über "Killerspiele". Wird intensives Zocken aller möglichen Arten von Computerspielen – nicht nur von sogenannten Egoshootern – als psychische Störung klassifiziert, öffnet das weiteren Verallgemeinerungen die Tür. Jemand zockt mehrere Tage hintereinander ein neues Spiel. Weil er möglichst schnell ans Ende gelangen möchte? – Besorgte Eltern vermuten eine Sucht: ab zum Arzt. Der hätte mit der neuen ICD dann die Grundlage für einen medizinischen Befund.

So schnell wird es schon nicht gehen mit der Diagnose? Oft geht es bei ähnlichen Störungen zu schnell. Das zeigt eine Studie zur Aufmerksamkeitsstörung ADHS aus dem Jahr 2012: Forscher schickten an tausend Jugendpsychotherapeuten und -psychiater Fallberichte von Kindern, von denen allerdings nur ein Viertel sämtliche ICD-Kriterien für die Störung erfüllten. In 16,7 Prozent der Fälle diagnostizierten die Ärzte ADHS, obwohl die Kinder gesund waren.

Die WHO täte gut daran, mit ihrer Entscheidung zu warten. Zumindest bis die Studienlage besser ist.