Meine Seele schwitzt. Das liegt am Whiskey. Meine Stirn schwitzt auch, aber das liegt an der Hitze. Der Grandgousier, den mir Bruce Boeko auf den Tresen geknallt hat, brennt wie die adipöse Sonne Tennessees. Er wird aus Mais gemacht und hat es in sich. Und ich habe ihn in mir, zwei Gläser bereits, zehn Uhr morgens. Ich denke an die Pick-ups, die mir vorhin, als ich zur Nashville Craft Distillery fuhr, entgegengekommen waren. Amerikas Mittelschicht pendelte schichtwärts. Und jetzt arbeiten die alle, und ich trinke nur, was genau genommen auch Arbeit ist, sich aber so nicht anfühlt. Hier, im Speckgürtel, duckt sich Nashville weg, und die Honky Tonk Road ist nicht mehr zu hören. Ein Memory aus Garagen, Gleisen und Schrotthöfen stattdessen, und Bruce und ich. Diese Reise wird Hölle und Paradies zugleich, dessen bin ich mir jetzt schon sicher. Aber vielleicht muss durch die Hölle gehen, wer ins Paradies will, sage ich mir. Dann sage ich mir noch entschlossener: Du hast es so gewollt! War deine Idee! Wenn ich angetrunken bin, führe ich oft Selbstgespräche, weil ich mich dann verstanden fühle.

Die Nashville Craft Distillery ist eine von zwei Dutzend Brennereien auf dem Tennessee Whiskey Trail, der im Sommer eröffnet wurde. Er führt durch den gesamten Bundesstaat, im Osten zu den Smokey Mountains und Carolinas Grenze, im Westen nach Memphis und an den Mississippi heran. Man kann ihn mit touristischer Ambition abreisen, um Landschaft und Leute kennenzulernen und dabei ein bisschen zu trinken. Oder man nimmt den Trail ernst, so wie manche den Jakobsweg ernst nehmen. Das will ich tun. Ich bin ein auf Erleuchtung hoffender Pilger. Nach Tennessee gekommen, um endlich zum richtigen Whiskeytrinker zu reifen.

Whiskey trinkt man entweder richtig oder gar nicht, genau das ist mein Problem. Ich trinke nämlich mal diesen Whiskey und dann wieder jenen und ganz oft auch gar keinen, sondern Gin samt Tonic. Und wenn ich ein richtiger Idiot sein will, schmeiße ich mir noch eine Gurke ins Glas. Whiskey ist mir manchmal zu scharf, dann wieder nicht scharf genug, ich habe es auf dem Feld also, wie bei eigentlich allem, was ich im Lebenslauf unter Fähigkeiten und Hobbys anführe, nur zu einem fadenscheinigen Halbwissen gebracht. Ich schäme mich für mich. Ich will es richtig machen.

Wenn ich vom richtigen Trinken spreche, meine ich keine Etikette oder Zubereitung, auch nicht Sorte oder Preis, sondern eine eigene, über die Mechanik hinausreichende Selbstverständlichkeit beim Verkosten, eine Art geheimes Gralswissen, das die Trinkenden zu transzendieren scheint. Als hätten sie etwas gespürt, was mir bis jetzt verwehrt geblieben ist. Ich meine Menschen wie Don Draper, den Werbechef und Chefstyler aus Mad Men, der Serie, in der vormittags und eigentlich sowieso die ganze Zeit getrunken, geraucht und gut ausgesehen wird. Draper lebt zwar in New York und trinkt unterschiedliche Whiskeys, aber wie er trinkt, darauf kommt es an. Überlegen und mit sich im Reinen, was jeder Schluck aus dem Tumbler zusätzlich zu nähren scheint. Diese Haltung will ich mir auch antrinken. Und ich glaube, dass das in Tennessee am ehesten klappt, neben den Brennern stehend, wenn die ihre Kupferkessel anfeuern. Hier wurde schon vor 150 Jahren gebrannt, hier sind Jack Daniel’s und George Dickel beheimatet. Hier soll auch auf mich etwas übergehen. Ein Funke vielleicht, oder ein Leuchten.

Bruce Boeko, Inhaber der Craft Distillery in Nashville, klatscht in die Hände und sagt: "Meinen Whiskey trinkst du am besten nach dem Dinner zu lauter Musik, du musst entspannt sein, mit der Arbeit durch für den Tag, und um dich herum sitzen alte Freunde, oder du findest neue." Ich starre ihn an. Es ist, wie gesagt, früh am Morgen, ich habe noch nicht mal gefrühstückt, es ist still in der Destille, außer mir und ihm ist niemand hier. Moment, denke ich, lauert hier womöglich die erste Lektion auf dem Weg zum richtigen Trinker? Offensichtliche Widersprüche aushalten, austrinken, warten, bis sie sich auflösen am Boden des Glases? Ich nicke langsam, als würde ich verstehen.

Der Chef des Restaurant Husk in Nashville prüft die "Nase", den Geruch, eines Whiskeys. © Peter Frank Edwards 2015/Redux/laif

Als ich aus dem vollverglasten Schankraum wanke, flattert eine Gruppe gut gelaunter Mittsiebziger hinein, zweifelsohne die neuen Freunde, die zu finden Bruce mir geraten hatte, aber ich muss jetzt los. Ich habe ein straffes Programm getaktet, um meine Chancen auf Erleuchtung zu steigern: drei Destillen täglich, fünf Tage lang. Die Sonne strahlt mich an. Whiskey ist flüssiges Sonnenlicht, das hat George Bernard Shaw gesagt. Whiskey aus Tennessee wiederum ist, das sollten wir klären, solange ich noch erklären kann, nicht gleich Tennessee Whiskey. Tennessee Whiskey darf sich nur nennen, was den Prozess des charcoal mellowing durchlaufen hat: Dabei träufelt der Feinbrand nach der eigentlichen Destillation noch mehrere Tage durch eine meterdicke Holzkohleschicht aus Zuckerahorn, die Fuselstoffe und andere Partikel ausfiltert. Brenner, denen das zu aufwendig ist, machen Whiskey in Tennessee, aber eben nicht Tennessee Whiskey.

Und was mache ich jetzt? Darf ich noch fahren? Bei 0,8 Promille liegt die Grenze in den USA, aber wenn ich in die Leitplanke crashe, bringt mir das gar nichts, mit auffälligen Fahrern kennt man bestimmt kein Pardon. Erst recht nicht in Tennessee, wo Verbote Tradition haben. Die Prohibition wurde hier schon 1910 eingeführt, zehn Jahre bevor der Kongress einen nationalen Bann beschloss. Und sie blieb bis 1939 bestehen, obwohl Roosevelt den Cullen-Harrison Act 1933 unterzeichnet hatte. Tatsächlich gibt es in Tennessee bis heute nur elf Wet Counties, "nasse Bezirke", die den Alkoholverkauf und -ausschank billigen. 14 Counties sind komplett trocken (dry), 70 moist, also feucht, da regeln lokale Direktiven das Bechern. Manchmal darf dann zwar verkauft, aber nicht ausgeschenkt werden. Oder der Ausschank ist nur in bestimmten Bars erlaubt oder nur in einem Ort oder, wie in Wayne County, nur ins Glas in Restaurants, die mehr als 75 Gäste fassen und weniger als drei Meilen vom Tennessee River entfernt liegen. Es ist absurd und kompliziert. Das macht den Trail so spannend. Man navigiert an Verboten und Geschichten entlang. Ich steuere auf den Highway und versuche, nicht aufzufallen.

Thompson’s Station ist ein Kaff aus zwei Straßen an einer stillgelegten Bahnstation. Es fällt leicht, sich die Schlachten auszumalen, die in dieser Gegend im Amerikanischen Bürgerkrieg gefochten wurden. Alles sieht aus wie damals. Eine alte Windmühle dreht sich knarzend. Der Krämerladen hat geschlossen, die backsteinerne Apotheke auch. Heath Clark begrüßt mich in einer Scheune, die er zur Destille umgebaut hat. Clark hat auch Geschichte geschrieben. Whiskeygeschichte. Eigentlich ist er Anwalt, den Brenner versteckt Clark hinter seinem Zahnpastalächeln. Smarter, slicker Typ. Er kämpfte in Williamson County für den Gesetzesentwurf, der das Brennen nach 100 Jahren wieder erlaubte. Muss man sich ja mal vorstellen: bis 1910 stolze Whiskeytradition in Tennessee, dann Prohibition und Dürre, und danach immer noch Prohibition, fortgesetzt mit anderen Mitteln, mit Paragrafen.

Einzig Jack Daniel und George Dickel durften durchbrennen, während der Prohibition sonderlizenziert als Medizinproduzenten und ab 1939, weil sie Arbeitsplätze sicherten, also too big to fail waren. Clark wusste um diese rigide Ausgangslage, wusste, dass es nicht einfach werden würde, hatte aber eine einfache Idee: Wenn es erlaubt war, Alkohol zu verkaufen, und das war erlaubt in seinem Bezirk – dann konnte auch nichts dagegensprechen, hier zu brennen, oder? Clark warb bei Politikern, sammelte Stimmen, drei Jahre lang. Am Tag der Abstimmung saß er nägelkauend in einem Hotel in Alabama, ein Freund rief durch: Heath, du hast es geschafft! House Bill No. 1955 war mit nur einer Stimme Vorsprung genehmigt worden. Auch in anderen Counties kippten in der Folge die Verbote. Clark hatte einen Stein ins Rollen gebracht. Tennessee wurde wieder Whiskeyland.