Er ist ein beliebter Held im Genre des Seniorenromans: der Hundertjährige, der auf die eine oder andere Weise in die großen politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt war und nun davon erzählen kann, so wie Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand von Jonas Jonasson. Oder wie Ohrwaschel in Die Bekenntnisse eines Hundertjährigen von Liu Heng. Auch Sten Nadolny bedient sich in seinem jüngsten Roman des in die Jahre gekommenen Zeitzeugen. Doch sein Erzähler, der alte Pahroc, hat nicht nur viel erlebt, er ist darüber hinaus auch ein Zauberer. Die Vergangenheit durch die Augen eines Magiers neu zu erzählen ist eine durchaus charmante Idee, die Raum für neue Perspektiven schafft. Es ist nicht das erste Mal, dass Nadolny den Blick einer Randfigur einnimmt: Bereits in Die Entdeckung der Langsamkeit beschrieb der Autor einen Polarforscher, der langsamer denkt als andere, dadurch aber einen neuen, tieferen Blick auf die Welt erlangt. 1983 wurde Nadolny mit diesem Roman weltberühmt. Doch zu ungewöhnlichen Einsichten, um es vorweg zu sagen, findet Nadolny dieses Mal nicht. Was der Zauberer Pahroc über Hitler, Stalingrad oder die 68er-Bewegung erzählt, ist altbekannt.

Das Glück des Zauberers, so der Titel des neuen Buches, ist die kleine Enkeltochter Mathilda, denn sie hat seine Fähigkeit geerbt. Und so beginnt Pahroc, der wie alle Zauberer nur einen Nachnamen führt, ihr Briefe zu schreiben und Ratschläge für später zu erteilen, wenn sie erwachsen ist. In jedem seiner zwölf Briefe nennt er einen Zauber. Dabei gibt er nicht etwa Anleitungen für Zaubertricks oder erklärt Zaubersprüche, sondern beschreibt mit Humor und leiser Ironie seine Erfahrungen mit magischen Fähigkeiten, die ihm helfen, seinen Alltag zu meistern. Sie heißen etwa "schöner sein, anders sein", "Gedanken lesen" oder "durch Wände gehen". Dass auch Mathilda zaubern kann, hat Pahroc sofort erkannt, als sie noch in der Wiege liegend "einen langen Arm" machte und ihm die Brille von der Nase schlug. Nadolny lässt die Grenzen zwischen Realität und Fantasie, Möglichem und Unmöglichem immer wieder gekonnt verschwimmen, sodass bis zuletzt unklar bleibt, ob der Großvater tatsächlich zaubern kann oder vielmehr eine mit Magie angereicherte Weltsicht vermitteln möchte.

Seine Ratschläge verbindet Pahroc mit etlichen Anekdoten aus seinem Leben. Und was für ein Leben das war! Von seiner Kindheit im wilhelminischen Kaiserreich bis hin zum Dieselskandal und den Terroranschlägen der Gegenwart – Nadolny lässt ihn alles rekapitulieren. So richtig verbinden wollen sich Historie und Zauberei allerdings nicht. Die Magie wird als etwas beschrieben, das Pahroc half, diesem dunklen Jahrhundert voller Krieg und Leiden zu trotzen, den Verlauf der Geschichte jedoch vermag auch ein Zauberer nicht zu verändern. So konnte er bereits als kleiner Junge "einen langen Arm machen" und sich unbemerkt Brot, Kartoffeln oder Seife stibitzen. Das "Unsichtbar werden" half ihm zu fliehen, als die Partei, die er nur "die Armhochreißer" nennt, an der Macht ist, und "für Sekunden aus Stahl sein" schützt ihn im Kessel von Stalingrad.

Doch jeder Zauber hat auch seine Kehrseite. Die Geldherstellung gelingt zumeist erst dann, wenn man bereits welches hat, für Sekunden zu Stahl zu werden verursacht starke Schmerzen, und das Töten ist Zauberern partout nicht möglich. Als Pahroc in einer dunklen Stunde dennoch versucht, einen Edelstahlkessel in eine Pistole zu verwandeln, um dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, rührt sich das Gefäß nicht. "Stattdessen lag plötzlich ein kochfertiger Zander drin, den ich nach Müllerin-Art zubereitete, was blieb mir übrig?", erinnert er sich. Es sind jene kleinen, humorvollen Winkelzüge, die Nadolnys Erzählweise ausmachen.

Neue Perspektiven gewinnt der Roman dadurch nicht. Trotz der vielen fantasievollen Einfälle zur Zauberei bleibt Pahrocs Lebensgeschichte seltsam blass. Nadolny lässt ihn ein geschichtliches Ereignis nach dem anderen erzählen, ohne dass der Leser mehr als die altbekannten Fakten erfährt. Und das, obwohl Pahroc überall dabei war, mitten in den Brandherden der Geschichte. Doch wenn er beim Schweben durch die Luft rein zufällig in die Gaskammern von Auschwitz blickt, vor Schreck buchstäblich aus allen Wolken fällt und danach zwei Jahre in der Zeit stecken bleibt, wirkt das erschreckend unbeteiligt und merkwürdig banal. Und wenn Hitler immer nur der "Mann mit dem rechteckigen Nasenbart" genannt wird, erscheint auch der liebevoll plaudernde Tonfall des Großvaters unangemessen. Zudem stellt sich die Frage, für wen der Roman eigentlich bestimmt ist. Für das Kind etwa, das Mathilda noch ist? Doch zum einen soll auch sie die Briefe erst lesen, wenn sie erwachsen ist, zum anderen ist der Roman für ein Kinder- und Jugendbuch dann doch etwas zu träge, was vor allem an Pahrocs eingestreuten, altklugen Lebensweisheiten liegt. Nur ein Beispiel: "Die Erziehung von Kindern ist eines der schwersten Kunststücke überhaupt, kaum jemand kriegt das richtig hin", sinniert Pahroc in onkelhaftem Ton. Immerhin, eines muss man dem Autor lassen: Die Briefe klingen wirklich so, als hätte sie ein Hundertjähriger geschrieben. Ein Hundertjähriger mit erstaunlich blühender Fantasie zumal. Verzaubern kann Nadolny seine Leser damit jedoch noch nicht.

Sten Nadolny: Das Glück des Zauberers
Roman; Piper Verlag, München 2017; 320 S., 22,– €, als E-Book 19,99 €