Die Liste der Romane ist lang, die mit den Mitteln populärer Unterhaltung gegen herrschendes Unrecht protestierten. Onkel Toms Hütte trug maßgeblich zur Abschaffung der Sklaverei bei, John Grisham attackiert US-amerikanische Missstände. Ihr Muster ist das gleiche: Sympathie mit den Opfern wecken, um das Unrecht aufzudecken.

Diesem Muster folgt auch der japanische Autor Kazuaki Takano. Sein Thriller Extinction wurde hauptsächlich als spannende Science-Fiction wahrgenommen, der pazifistische Appell dahinter eher übersehen. Der gleiche Pazifismus, der in Japan seit 1947 Verfassungsrang besitzt, durchdringt auch seinen Justizthriller 13 Stufen. Es ist eine Anklage gegen die in Japan immer noch praktizierte Todesstrafe.

Jeden Morgen um neun fürchtet Ryo Kihara, dass die Wärter auf dem Flur vor seiner Tür haltmachen. Zu den Besonderheiten der japanischen Justiz gehört es, den zum Tode Verurteilten nicht vor der Vollstreckung zu benachrichtigen. Seit sieben Jahren sitzt Kihara in seiner fünf Quadratmeter winzigen Zelle in Einzelhaft und fürchtet jeden Morgen, es könne sein letzter sein. Dabei weiß nicht einmal er selbst, ob er den Mord an dem pensionierten Lehrer Utsugi überhaupt begangen hat. Kihara wurde ohnmächtig und blutüberströmt in der Nähe des Tatorts aufgefunden und hat seitdem jede Erinnerung an die Augenblicke davor verloren.

Dreizehn Stufen durchläuft der Entscheidungsprozess, verzögert und unterbrochen durch Einsprüche, Revisionsversuche und Gnadengesuche, bis der Justizminister die Hinrichtung befiehlt, die dann innerhalb einer Woche vollzogen werden muss. Als Kihara ein Fetzen von Erinnerung an eine alte Treppe durch den Kopf schießt, ist sein Fall zwischen der zwölften und dreizehnten Stufe angekommen. Die Frist auch nur für einen Aufschub ist äußerst knapp.

Die beiden Amateurermittler, die angeheuert werden, um der Substanz von Kiharas Erinnerungsfetzen nachzugehen, bilden ein merkwürdiges Gespann. Beide haben existenzielle Erfahrungen mit dem Justizsystem gemacht. Juni’ichi ist knapp der Todesstrafe entronnen, der Gefängniswärter Nango musste mehrfach an Hinrichtungen mitwirken.

Mit allen dramaturgischen Tricks des erfahrenen Drehbuchautors schickt Takano seine Protagonisten in einen Dschungel aus Lügen und Täuschungen, bürokratischen Hindernissen und überraschenden Wendungen. Ihr Ansporn sind die Hoffnung auf ein neues Leben durch ein hohes Honorar und der Ekel vor einem grausamen Justizwesen. 13 Stufen fesselt auch durch seinen Einblick in das merkwürdige japanische Verständnis von Recht und Strafe.

Kazuaki Takano: 13 Stufen.
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold; Penguin, München 2017; 400 S., 10,– €, als E-Book 8,99 €