In den USA, wo der Wahnsinn nicht immer beginnt, aber sich gern zuerst zeigt, diskutieren sie seit Wochen über einen tollen Einrichtungstrend: die sogenannten backwards books. Was ist gemeint? Menschen gehen dazu über, ihre Bibliotheken "umzudrehen"; sie kehren die Bücher in den Regalen mit dem Rücken (und dem Autorennamen und Titel) zur Wand, sodass der unbeschriftete offene Schnitt des Buches dem Betrachter entgegenblickt.

Da man Bücher nicht ausschalten kann, versetzt man sie auf diese Weise in den Flugmodus. Man könnte von Burn-out-Bibliotheken sprechen. Anhänger dieses Trends sagen, eine "anonymisierte" Bibliothek sorge für beruhigendes Raumklima: Die Bücher machen nicht mehr so einen unangenehmen Bildungsdruck, wenn sie namenlos dastehen. Andere finden, das Buch sei ein Gebrauchsgegenstand, es habe einen Inhalt, und wenn der ausgelesen sei, könne man das Gefäß wegwerfen. Aus Sentimentalität stellen sie das Buch umgedreht zurück ins Regal, als wäre es eine leergetrunkene Flasche, die sie aufheben, um sich an den Genuss des Trinkens zu erinnern.

Die alte bürgerliche Idee, dass jede Bibliothek ein eigenes geistiges Klima schaffe, dass also aus der individuellen Kombination der Bände etwas Neues entstehe – sie interessiert kaum noch. Immer mehr wird "das gute Buch" auch im privaten Haushalt so benutzt wie im Möbelhaus und in Hotels: als Teil eines Bühnenbildes. Es geht nicht mehr darum, Dostojewski, Proust, Musil auf dem Regal zu haben, in Sichtweite, und sich selbst und anderen zu versichern, man habe eine geistige Heimat. Die umgedrehte Bibliothek suggeriert vielmehr: dass etwas vorbei ist; dass der Zugang zu einer Kulturtechnik feierlich-ironisch geschlossen wird. Das Lesen von auf Papier gedrucktem Langtext, das mühsame Halten von als Stellvertreter ihrer Autoren verstandenen Trägerobjekten – damit ist es demnächst vorbei.

Wer seine Bibliothek "umdreht", signalisiert, dass er das Bücherlesen einst selbst betrieben hat und auf einen Notspeicher zurückgreifen könnte, falls die papierlose Technik zusammenbrechen sollte. Aber eigentlich will er das nicht. Um es in vollem Alarmton zu sagen: Die umgedrehte Bibliothek ist der Gnadenhof des Gutenberg-Zeitalters.

Man weiß, dass auch Bibliotheken sterben, wenn ihre Besitzer die Lust am Lesen (oder die Fähigkeit dazu) verlieren. Wenn Haushalte aufgelöst werden, rücken Erben oder verdingte Liquidatoren an, packen die Bücher in Kisten und fahren sie auf den Müll, zu den Containern mit der Verpackungspappe. Die backwards books markieren eine komische Vorstufe dieser Auflösung.

Elias Canetti hat gesagt, das Wunder des Buches bestehe darin, dass es, wenn es gelesen werde, den Geist eines Toten auferstehen lasse. Der Sterbliche lebe im Buch weiter, das an seiner Stelle aufrecht stehe – in der Bibliothek, mit dem Gesicht, dem Namen, dem Buchrücken zur Welt. Das ist eine schöne Vorstellung, aber: Können wir sicher sein, dass die großen Autoren, jene von früher und die von heute, unsere Zeit in Würde überstehen werden? Wer seine Bücher umdreht, wer seine Bibliothek zur Stätte der namenlosen Gespenster macht, sagt damit: Ich habe schon so viel überlebt. Euch überlebe ich auch noch.