DIE ZEIT: Herr Vogel, Herr Mohring, wie wichtig ist Macht für einen Politiker?

Bernhard Vogel: Macht, dieses Wort hat keinen guten Ruf. Dabei ist die Macht allein weder gut noch böse. Sie kann gebraucht und sie kann missbraucht werden.

Mike Mohring: Aber Machtlosigkeit beraubt einen der Möglichkeit, Einfluss zu nehmen. Wer nicht nach Einfluss strebt, kann nicht Politiker werden.

ZEIT: Herr Vogel, Sie haben viel Erfahrung mit Macht. Sie waren Ministerpräsident von zwei Bundesländern: von 1976 bis 1988 in Rheinland-Pfalz, von 1992 bis 2003 in Thüringen. Herr Mohring würde 2019 gerne in Thüringen in dieses Amt gewählt werden. Was muss er tun, um das zu schaffen?

Mohring: Du bist es siebenmal geworden, Bernhard! Du musst es wissen.

Vogel: Sechsmal.

Mohring: Nein, siebenmal!

Vogel: Du hast recht. Das erste Mal wurde ich mitten in der Legislatur Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, das habe ich nicht mitgezählt.

ZEIT: Also, wie wird man Ministerpräsident?

Vogel: Auch wenn das banal klingen mag: Zunächst muss man in seiner Partei eine Position erreicht haben, die einen in den engeren Kreis möglicher Spitzenkandidaten bringt. Wäre ich nicht länger schon Kultusminister in Rheinland-Pfalz gewesen, hätte ich nicht Ministerpräsident werden können. Und wäre ich nicht Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz gewesen, wäre ich Jahre später nicht Ministerpräsident in Thüringen geworden. Dafür sind einige Fähigkeiten unabdingbar.

ZEIT: Welche?

Vogel: Das richtige Gespür dafür, mit Parteifreunden umzugehen. Das richtige Gespür dafür, mit Wählern umzugehen. Und am allerwichtigsten ist: dass man Vertrauen schenkt und Vertrauen genießt. Nur ist meine Situation anders gewesen als die, in der sich Mike, noch jung an Jahren, heute befindet.

ZEIT: Inwiefern anders?

Mohring: In Thüringen regieren heute die Linken, es gibt mehr Fraktionen im Parlament, und wir sind erstmals in der Opposition.

Vogel: Eben, die CDU ist heute in Thüringen in der Opposition und will wieder an die Regierung. Dafür muss Mike Mohring eine Wahl gewinnen. Ich bin nie aus der Opposition heraus zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Ich habe das Amt in Rheinland-Pfalz 1976 mitten in der Legislatur von Helmut Kohl übernommen.

ZEIT: Wie lief das?

Vogel: Im Grunde fing es schon zwei Jahre vorher an. Als Helmut Kohl 1973 Bundesvorsitzender der CDU wurde und den Landesvorsitz in Rheinland-Pfalz aufgab, favorisierte er eigentlich Heiner Geißler als seinen Nachfolger.

ZEIT: Geißler war damals Kohls Sozialminister. Sie waren Kultusminister.

Vogel: Ja, ich trat gegen Geißler an, obwohl wir gute Freunde waren. Und ich war erfolgreich.

ZEIT: Es heißt, Kohls vehemente Unterstützung für Geißler hätte Ihnen beim Parteitag 1974 viele Stimmen eingebracht. Hat er seine Macht überschätzt?

Vogel: Das mag sein. Oder er hat sie zu brachial eingesetzt. In jedem Fall war meine Wahl zum Landesvorsitzenden die entscheidende Weichenstellung für mich: Als Kohl zwei Jahre später Oppositionsführer im Bundestag wurde und dafür das Amt des Ministerpräsidenten abgab, konnte ich sein Nachfolger werden. Die heftige Auseinandersetzung in der CDU um den Landesvorsitz hat übrigens die Freundschaft zwischen Heiner Geißler und mir nie infrage gestellt, erfreulicherweise. Sie hat bis zum Tod von Heiner Geißler weiterbestanden.

ZEIT: Gibt es echte Freundschaft in der Politik?

Mohring: Es gibt politische Freundschaften, aber die Frage ist: Hält so eine Freundschaft auch dann, wenn man nicht mehr über Ämter und Einfluss verfügt? Für mich ist aber auch klar, dass die besten, intensivsten Freundschaften in meinem Leben mit Politik nichts zu tun haben. Ich habe meine besten Freunde außerhalb der Politik.

Vogel: Bei Freundschaften in der Politik ist Vorsicht geboten: Die Gefahr, dass manche Leute Kontakt zu einem suchen, weil man wer ist, ist besonders groß.