Das Gegenteil von gut ist bekanntlich gut gemeint. Dieser Lehrsatz gilt für gesundheitspolitische Wohltaten ganz besonders. Daher muss man der kommenden Koalition jetzt eine unpopuläre Aufgabe ins Pflichtenheft schreiben: die geordnete Abwicklung des Mammografieprogramms zur Früherkennung von Brustkrebs.

Seit 2002 ist das Massenscreening ein Vorzeigeprojekt der deutschen Gesundheitspolitik. Doch die Reihenuntersuchungen erfüllen ihre Aufgabe nicht. Die Hoffnung auf vielfache Lebensrettung durch organisierte Mammografie ist geplatzt – und das nicht nur in Deutschland. Zugleich zeichnet sich am Horizont eine Zeitenwende bei der Früherkennung ab. Neuartige Labortests, die Krebsgene in Blutproben zuverlässig aufspüren können, werden die bildgebenden Verfahren in den kommenden Jahren womöglich an Aussagekraft und Präzision übertreffen. Weltweit arbeiten Institute und Unternehmen fieberhaft an solchen Techniken für die Frühdiagnose bei verschiedenen häufigen Krebsarten. Das von der EU geförderte Konsortium EpiFemCare stellte kurz vor Weihnachten die ersten praxistauglichen Bluttests für Brust- und Eierstockkrebs vor. Womöglich steht also durch neuartige Gendiagnostik im Blut ohnehin eine Ablösung des Mammografie-Screenings an.

Mit dem hehren Ziel, die Sterblichkeit durch den Brustkrebs bei Frauen zu vermindern, hatte 2002 das rot-grüne Kabinett von Gerhard Schröder die Einführung der regelmäßigen Röntgenuntersuchungen für alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren beschlossen. Die Logik hinter dem von der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) vorangetriebenen Beschluss: Würden sie früher erkannt, könnten mehr Fälle der häufigsten Krebsart bei Frauen geheilt werden. Um rund 15 Prozent, so hatte eine Metaanalyse der Cochrane-Foundation im Jahr 2001 ergeben, könnten Reihendurchleuchtungen die Zahl der Brustkrebstoten vermindern. Experten in vielen europäischen Ländern mochten das schon damals nicht recht glauben. Manch eine Studie fand einen begrenzten lebensrettenden Effekt der Reihenuntersuchungen, andere Analysen bestritten dies vehement. Zwar kann eine Röntgenaufnahme im Einzelfall wertvoll sein, wenn eine Frau Beschwerden verspürt. Doch um Sinn oder Unsinn des bevölkerungsweiten Screenings schwelt der Streit seit vielen Jahren.

Aus den Zweifeln ist praktisch Gewissheit geworden. Denn ausgerechnet das hochgelobte Früherkennungsprogramm unserer niederländischen Nachbarn wurde jüngst zum Menetekel. Es gilt als das beste in Europa und arbeitet seit fast einem Vierteljahrhundert. Bewirkt hat es in dieser Zeit so gut wie nichts. Dieses ernüchternde Fazit zogen französische Experten, nachdem sie die Zahlenwerke der Kollegen in den Niederlanden durchforstet hatten. Zwar sei die Sterblichkeit unter den Brustkrebspatientinnen seit Einführung der Reihenuntersuchung um 28 Prozent gesunken. Doch diese erfreuliche Entwicklung sehen die Autoren ausschließlich in besseren Therapien begründet.

Eine Senkung der Sterblichkeit durch Mammografie sei dagegen nicht erkennbar, schrieben die Forscher um Philippe Autier im British Medical Journal. Wenn es sie überhaupt gebe, liege sie sicher unter fünf Prozent. Stattdessen habe die Röntgendiagnostik teilnehmenden Frauen Schaden zugefügt: Rund 30 Prozent seien zum Opfer von Überdiagnostik und Übertherapie geworden – ein ähnlicher Befund war bereits früher nach diversen Untersuchungen erhoben worden.

Diese Frauen waren nach der Mammografie gegen Tumoren behandelt worden, die zu den langsam wachsenden und nicht streuenden Typen gehörten. Sie hätten ihnen nie im Leben Beschwerden verursacht. Trotzdem wurden die Betroffenen unnötigerweise therapiert – der Grund dafür ist, dass auf der Basis einer Röntgenaufnahme kaum einzuschätzen ist, ob ein Tumor ungefährlich ist oder aggressiv behandelt werden muss. Die früh streuenden und dann oft tödlichen Tumortypen dagegen fallen in der Mammografie allzu oft nicht auf.

Diese Unschärfe der Diagnostik hat im Einzelfall drastische Folgen: unnötige Entnahmen von Gewebe, überflüssige Operationen, unnötig belastende Chemo- oder Strahlentherapien. Polemisch überspitzt: Oft wird nach Mammografie nicht das behandelt, was Patientinnen wirklich gefährdet, sondern was Röntgenbilder zeigen.