"Ich lasse mich nicht einschüchtern", sagt Deniz Naki, 28 © Dominik Asbach/laif

Es ist etwa 23 Uhr in der Nacht zu Montag, als Deniz Naki auf der A4 kurz vor Düren beschossen wird. Die Kugeln bohren sich in das Blech seines Porsche Cayenne, eine auf Kopfhöhe zwischen den beiden Fenstern, eine nahe dem Reifen, der schwarze Lack splittert um die Einschusslöcher herum ab. Naki duckt sich und zieht das Lenkrad nach rechts, er lässt den Wagen auf den Seitenstreifen rollen. Der schwarze Kombi, der hinter ihm auf dem linken Streifen aufgetaucht war und aus dem die Schüsse wohl abgegeben wurden, rast weiter in die Nacht.

Ein Mordanschlag? So beschreibt es der deutsch-türkische Fußballspieler am nächsten Morgen Journalisten und Freunden. Später kursieren Bilder im Internet, sie zeigen die Einschusslöcher. Naki erstattet noch in der Nacht auf einer Wache der Dürener Polizei Anzeige, die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren ein, Naki wird unter Polizeischutz gestellt.

Aber was ist passiert? Warum wird auf einer deutschen Autobahn mitten in der Nacht auf einen Fußballspieler geschossen?

Die Geschichte von Deniz Naki ist zu Anfang die eines technisch filigranen Bundesliga-Profis, der seine Gegenspieler in guten Momenten ins Leere laufen lassen kann wie Anfänger, eines Stürmers, den Kommentatoren Instinktfußballer nennen. Heute ist Naki noch immer Stürmer, zugleich aber weit mehr: Er ist vom Fußballprofi zum Freiheitskämpfer geworden, zu einem, der in der Türkei als Staatsfeind gilt.

Deniz Naki wächst in Düren im Rheinland als Sohn kurdischer Migranten auf, er ist 15, als Bayer Leverkusen ihn entdeckt. Naki ist ein Talent, er wird später in der U-21-Nationalmannschaft gemeinsam mit Mats Hummels und Jérôme Boateng spielen. Von Leverkusen aus wechselt der Stürmer 2009 zum FC St. Pauli, steigt mit Trainer Holger Stanislawski in die erste Liga auf. In Hamburg zeichnet sich ab, dass Naki nicht einfach ein Spieler unter vielen ist. Naki lässt sich nichts sagen. "Er war schon ein Spieler mit Ecken und Kanten, Publikumsliebling, aber nicht ganz konfliktfrei", sagt St. Paulis Pressesprecher Christoph Pieper. Naki gilt als Provokateur. 2009 schießt er das 2 : 0 in einem wichtigen Spiel gegen Hansa Rostock. Er rennt zur Tribüne, baut sich auf und deutet mit seiner rechten Hand eine Kopf-ab-Geste an. Als das Spiel vorbei ist, nimmt er eine Pauli-Fahne und rammt sie in den Rasen des Ostseestadions. Der DFB sperrt ihn für drei Spiele, die Fans feiern ihn.

Naki ist talentiert, aber nicht so talentiert, dass Trainer über alle Provokationen hinwegsehen würden. 2012 gerät er mit Trainer André Schubert aneinander, schließlich wechselt er über Paderborn in die erste türkische Liga zu Gençlerbirliği Ankara. Dort beschleunigt sich seine Politisierung. In einer Seitenstraße greifen ihn drei Männer an, "wir wollen hier keinen wie dich", sagen sie Naki zufolge. Naki ist alevitischer Kurde, nationalistische Türken feinden ihn an. Schließlich löst er seinen Vertrag auf, er fühlt sich in Ankara nicht mehr sicher.

Heute, drei Jahre später, wirkt es, als sei Naki zur Offensive übergegangen. Er spielt jetzt in der dritten türkischen Liga in der kurdischen Hochburg Diyarbakır, sein Club heißt Amed SK. Die Mannschaft läuft in den kurdischen Farben auf, manche nennen sie die heimliche kurdische Nationalmannschaft. Naki ist ihr Kapitän, ein Anführer. Und ein Gejagter.

Gibt man seinen Namen bei YouTube ein, sieht man auf Videos, wie Fans ihn mit Flaschen und Gegenständen bewerfen, wie sie ihn beschimpfen. Man sieht, wie Spieler ihn brutal foulen, ihn einzuschüchtern versuchen. Man sieht, wie Fans aufs Spielfeld rennen und Naki attackieren, auf ihn einschlagen, von Ordnern unbehelligt.

Deniz Naki kommt aus einer politischen Familie. Sein Vater wurde vom türkischen Militärregime gefoltert. Von ihm habe er gelernt, zu seinem Wort zu stehen, erzählte Naki später einmal. Der Vater hat ihm auch eine kurdische Identität mitgegeben. Naki hat das kurdische Wort Azadi auf den Unterarm tätowiert, in Großbuchstaben. Es heißt: Freiheit.