Der "warmherzige Affe"

Am Freitag dieser Woche wird sich Amerikas Präsident Donald Trump ins Walter-Reed-Militärkrankenhaus nahe Washington begeben, um sich ärztlich untersuchen zu lassen. Reine Routine, wie es heißt. Eine psychiatrische Examination des 71-Jährigen sei nicht vorgesehen, erklärte ein Pressesprecher des Weißen Hauses. Wir leben in Zeiten, in denen solche Sätze eine Nachricht sind.

Zerfall im fortgeschrittenen Stadium ist abstoßend und anziehend zugleich. Das soeben erschienene Buch Fire and Fury, eine Innenansicht des Weißen Hauses, ist eine widerwärtige und dennoch fesselnde Lektüre. Die Bilder, die haften bleiben, sind beschämend. Der Präsident der Supermacht par excellence, der abends um halb sieben sein Bett aufsucht, einen Cheeseburger in der Hand, um fernzusehen und anschließend ein paar Kumpane anzurufen, denen er stundenlang sein Leid darüber klagt, dass die Medien gemein zu ihm seien. Obwohl er doch so ein Genie sei. Und so weiter, bis zum Erbrechen.

Wann hat der Zerfall des politischen Amerika eingesetzt? Mit Barack Obamas fahriger Außenpolitik und deren "roten Linien", die dann doch nichts galten? Mit George W. Bushs verlogenen und verlorenen Kriegen? Oder viel früher, mit dem Säufer und Lügner Richard Nixon vielleicht, nur dass im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts die sich abzeichnende moralische und ökonomische Zersetzung der anderen Supermacht, der russischen, den Niedergang Amerikas verdeckte? Ein Thema für Historiker. Der heutige Zustand Amerikas indessen tritt offen zutage, und er ist bestürzend.

Zwar sind die Vereinigten Staaten nach wie vor die erste Militärmacht der Welt, führend in Wissenschaft und Technik, sie geben kulturell den Ton an und sind wirtschaftlich ein dicker Brocken geblieben, aber in ihrem Zentrum, dort, wo angeblich der mächtigste Mann der Welt regiert, ist – nichts. Um diese Leere herum gruppieren sich Politiker und Militärs, sie werkeln nach ihren je eigenen Vorstellungen und ziehen an Fäden, aber eine zusammenhängende Politik kann man das nicht nennen. Darin, und nicht in den Anekdoten, besteht die Einsicht, die Wolffs Buch vermittelt.

Das Weiße Haus, so liest sich Fire and Fury, ist eine Ansammlung von Leuten, die nicht etwa in wohlgeordneten Arbeitsprozessen ihren Dienst versehen, sondern nur eine einzige Methode kennen: Sie müssen irgendwie für einen Moment die kurzlebige Aufmerksamkeit des Präsidenten gewinnen und hoffen, dass er nicht in den Minuten danach jemand anderem mit gegenteiligen Plänen zuhört.

Trump sei ein "großer warmherziger Affe", soll dessen einstiger Berater Stephen Bannon gesagt haben. Nun, was immer der Präsident in Wahrheit alles sein mag, ein Rassist oder Sexist zum Beispiel, Wolffs Buch beschreibt ihn als jemanden, der nach Liebesbeweisen süchtig ist und außer sich gerät, werden sie ihm versagt. Mit ihm zu arbeiten bedeutet, ihm Zucker zu geben und dafür ein Okay zu bekommen. Nur, ein Okay wofür?

Der Krieger

Stephen Bannon wusste, wofür. Ihm war Trump die Plattform für sein eigenes Programm: Führerprinzip statt Rechtsstaat, militante Bewegungen statt Zivilgesellschaft, außerdem extremer Nationalismus und Verschwörungstheorien aller Art. In einem Wort: Faschisierung.

Trump selbst scheint zu einem solchen oder irgendeinem anderen Programm intellektuell nicht fähig zu sein, auch wenn Bannons Parolen etwas in ihm zum Klingen brachten. Globalisierung bedeute "schlechte Deals" für Amerika, diesen Satz konnte Trump verstehen. Muslime seien Terroristen, Mexikaner Schmarotzer, und sämtliche Entscheidungen Obamas seien miserabel gewesen, na klar. Alles Anknüpfungspunkte für Bannon, der anders als Trump nicht um Liebe warb, sondern die Schlacht suchte.