Tausende Studierende leben illegal in den USA. Unter Donald Trump wächst die Ungewissheit dieser "Dreamer" täglich. Besuch bei zweien, die nicht aufgeben

Mayra Lozano stammt aus Mexiko. Sie ist 22, aber sie hat das Land seit ihrem fünften Lebensjahr nicht mehr gesehen. Die Studentin der weltweit bekannten University of California in Berkeley, USA, hat keine Erinnerungen an ihr Heimatland, es ist ihr fremd. Sie spricht akzentfreies Englisch und kennt den Fahneneid auswendig, der an vielen amerikanischen Schulen morgens abgelegt wird. Aber ständig schwebt die Gefahr über ihr, dass es eines Tages bei ihr klingelt und sie abgeschoben wird in ihre fremde Heimat. Denn Mayra ist illegal in dem Land, in dem sie seit ihrer Kindheit lebt.

Mayra ist ein "Dreamer". So heißen die jungen Menschen ohne amerikanische Ausweispapiere, die im Kindesalter von ihren Eltern in die USA gebracht wurden, meist über die Grenze zu Mexiko. Die Bezeichnung leitet sich ab vom Dream Act, einem überparteilichen Gesetzesentwurf, der seit 2001 immer wieder verhandelt, aber nie vom Kongress verabschiedet wurde. Das Gesetz sollte diesen jungen Leuten einen Weg zu einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung bahnen. Weil daraus während seiner Amtszeit nichts wurde, schuf der ehemalige Präsident Barack Obama per Erlass eine vorläufige Hilfskonstruktion: DACA, ein Akronym für Deferred Action for Childhood Arrivals. Deferred Action – das bedeutet, dass die Abschiebung für diejenigen, deren Antrag bewilligt wird, zwei Jahre aufgeschoben ist, aber nicht aufgehoben. Mit einem Federstrich hat Präsident Donald Trump DACA im September vorerst beerdigt, und niemand weiß, wie es für die Dreamer weitergehen wird. Zwar betonen Politiker beider Parteien, dass sie den jungen Einwanderern mit einem dauerhaften Gesetz helfen wollen. Trump aber will einer Regelung nur zustimmen, wenn die Demokraten im Gegenzug verschärfte Maßnahmen zur Sicherung der mexikanischen Grenze akzeptieren, einschließlich seiner berüchtigten Mauer.

Der eine Moment in der Kindheit

Für die meisten Europäer ist es eine paradoxe Vorstellung, dass jemand illegal in einem Land lebt, dort aber ganz offiziell an einer Hochschule studiert. In den USA ist dieser scheinbare Widerspruch alltäglich, war es schon vor DACA. Die "Undokumentierten" gehen zur Arbeit, freilich ohne den gesetzlichen Mindestlohn zu bekommen, sie fahren Auto, aber ohne Führerschein, ihre Kinder gehen auf die öffentlichen Schulen und Universitäten. Und die Eltern halten ihre Kinder an, ihren rechtlichen Status nicht an die große Glocke zu hängen.

Alle Dreamer können von dem Augenblick in der Kindheit erzählen, in dem ihnen zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie anders sind als andere Kinder. Bei Mayra war es ein Tag im fünften Schuljahr. Sie gehörte zu den Klassenbesten an ihrer Schule in Compton im Süden von Los Angeles. Die Schule spendierte den erfolgreichen Schülern einen Ausflug nach San Diego mit Übernachtung und einen Besuch im berühmten Zoo der Stadt. Ihre Eltern hätten das nie bezahlen können. Dann kam die Ernüchterung: "Sie sagten, ich könne nicht mitfahren. Ich fragte: Wieso? Sie hatten Angst um mich, weil San Diego so nah an der mexikanischen Grenze liegt."

Juan Cano erinnert sich, wie ihm als Kind nur langsam die Bedeutung des Wortes "undokumentiert" dämmerte. Juan ist 23 und hat gerade seinen Abschluss in Berkeley gemacht, in den Fächern Astrophysik und Geografie. Er war drei, als er mit seiner Familie nach Richmond kam, einer Stadt mit hohem Latino-Anteil östlich von San Francisco. "Meine Mutter hat mir immer eingeschärft, niemandem zu sagen, dass ich aus Mexiko komme und keine Sozialversicherungsnummer habe", erzählt er, "denn das könne Konsequenzen haben."

Was für Konsequenzen das waren, wussten Mayra und Juan damals noch nicht. Wer als illegaler Einwanderer den Behörden auffällt, und sei es nur bei einer Verkehrskontrolle, dem droht die Abschiebung. Allein unter Obama wurden zwischen 2009 und 2015 zweieinhalb Millionen Menschen abgeschoben. Zwar trifft es meist kriminelle Ausländer, aber grundsätzlich ist niemand davor sicher.

Gleichzeitig steht den Kindern der Einwanderer das Bildungssystem offen. Kein anderer US-Bundesstaat ist dabei so weit gegangen wie Kalifornien: Seit 2001 werden undokumentierte Studenten, die hier zur Schule gegangen sind, bei der Vergabe von Studienplätzen so behandelt wie legale Kalifornier. Sie zahlen geringere Studiengebühren als Studenten aus anderen Staaten – in Berkeley zum Beispiel statt 41.000 nur 14.000 Dollar pro Jahr. Im Jahr 2011 wurde außerdem der California Dream Act verabschiedet, der ihnen auch den Weg zu den begehrten Stipendien öffnet.

"Komm mal auf den Boden der Tatsachen zurück!"
Mayra Lozanos Vater

Ohne diese Stipendien wäre fast allen Dreamern der Weg zu höherer Bildung verbaut. Die Familien können sich das Studium nicht leisten, und viele Eltern stehen dem Collegebesuch ohnehin kritisch gegenüber. Mayra Lozano erzählt, dass ihr Vater ihr immer den Laptop weggenommen habe, wenn sie an ihren Uni-Bewerbungen arbeitete. "Komm mal auf den Boden der Tatsachen zurück!", herrschte er sie an. Sie schrieb die Briefe dann nach der Schule mit Unterstützung ihrer beiden Beratungslehrer.

Auch Juan Cano bekam mehr Zuspruch von seinen Lehrern als von seinen Eltern. Seine Mutter war zu der Zeit schwer krank, die Familie hatte andere Sorgen. Aber Juan träumte nicht nur von irgendeinem College, er wollte auf eine der Eliteuniversitäten gehen, ganz oben auf seiner Liste stand Yale. Daraus wurde zwar nichts, aber gleich mehrere seiner 40 Bewerbungen wurden angenommen, darunter ein Vollstipendium für Berkeley.

Ohne DACA wird es schwierig

Die Universität in Berkeley ist ein Symbol in der amerikanischen Bildungslandschaft. Hier begann in den 1960er Jahren die Bürgerrechtsbewegung "Free Speech Movement", aus der die Hippiekultur hervorging. Auch heute noch ist Berkeley eine Bastion des linken und progressiven Denkens. Was nicht heißt, dass die undokumentierten Ausländer dort frei von ihrer Angst vor der plötzlichen Ausweisung wären. Etwa 200 Studierende ohne Aufenthaltsgenehmigung gibt es an der Universität, und die meisten verhalten sich so, wie sie es seit ihrer Kindheit gelernt haben: Sie vermeiden es, über ihren Status zu reden, hängen die Sache nicht an die große Glocke.

Für Mayra war die Ankunft auf dem geschichtsträchtigen Campus ein Kulturschock. In Berkeley sieht man vorwiegend hellhäutige und asiatische Gesichter. Mit ihrem dunklen Teint, dem schwarzen Lockenkopf und der kräftigen Statur fiel sie sofort auf. "Viele Leute ließen mich spüren, dass ich da nicht hingehöre", erzählt sie. Ein Kommilitone nannte sie "wetback" – eine sehr abfällige Bezeichnung für die mexikanischen Einwanderer –, spuckte ihr gar ins Gesicht.

Juan erzählt vor allem von seinen Anfangsproblemen im Studium. An der öffentlichen Highschool in Richmond war ihm alles zugeflogen, und nun wurde er in eine extrem kompetitive Umgebung mit hohen Leistungsanforderungen geworfen. Er hatte das Lernen nicht wirklich gelernt und bekam erst einmal mäßige Noten. Seinen Traum vom Medizinstudium, für das Berkeley Vorbereitungskurse anbietet, musste er vorerst auf Eis legen.

Die Aktivisten

Mayra und Juan fanden den Weg zu einer Institution, die es in Berkeley seit 2012 gibt: dem Undocumented Student Program (USP). Hier bietet die Universität den Studierenden Hilfe und Beratung an, vor allem aber einen Weg aus der Vereinzelung. Beide wurden dort zu Aktivisten für die Sache der Undokumentierten. Juan gründete eine Selbsthilfegruppe, Mayra begann öffentliche Vorträge zu halten – und fiel aus allen Wolken, als sie eines Tages eine Einladung bekam, über ihre Erfahrungen als undokumentierte Studentin auf der Konferenz TEDx Berkeley zu sprechen, einem Ableger der bekannten TED-Konferenzen.

Auch wenn DACA formal nicht nötig war, um den Studierenden den Weg an die Universität zu ebnen, so hat diese politische Maßnahme doch ihr Leben ungemein erleichtert. Neben der zweijährigen Gnadenfrist, während der man angstfrei leben kann, erlaubt das Papier den Studierenden auch, legal zu arbeiten. Eine Erleichterung für viele Undokumentierte, die auf diesem Wege ihre häufig in ärmlichen Verhältnissen lebenden Eltern unterstützen können. Und wer unter das DACA-Dekret fällt, kann den Führerschein machen und sogar das Land verlassen und wieder einreisen. Die sogenannte advance parole garantiert ihnen, dass sie an der Grenze nicht abgewiesen werden. Mayra hat sich das noch nicht getraut, Juan ist mit einem Dreamer-Programm zwei Wochen in Mexiko gewesen. Er hat sich wie ein Tourist gefühlt.

Mayras DACA läuft im Oktober 2018 ab, Juans ein Jahr später. Just dann, wenn die beiden ein weiterführendes Studium beginnen wollen. Mayra möchte Juristin werden mit dem Schwerpunkt Einwanderungsrecht, Juan will endlich Medizin studieren. Beide haben gute Aussichten auf einen Studienplatz – aber ohne DACA wird es schwierig. Zwar hat Donald Trump den oppositionellen Demokraten einen Deal versprochen, im Gegenzug zu deren Hilfe beim Haushalt, aber bewegt hat sich in Washington noch nichts.

So bleibt ihnen das Gefühl großer Ungewissheit, ein Gefühl, an das sich die beiden Studenten gewöhnt haben. Ihr Kampfgeist hat sie dorthin gebracht, wo sie heute sind. "Ich kann doch nicht mein Leben auf 'Pause' stellen und warten, bis in Washington endlich etwas passiert", sagt Mayra. Und Juan betont, dass er den Durchhaltewillen wohl von seiner Mutter habe. "Die hat auch nie aufgehört, für ein besseres Leben für ihre Kinder zu kämpfen."

Dreamer wie Mayra und Juan sind Sympathieträger. Schüler mit guten Noten, die sich aus ärmlichen Verhältnissen eine gute Bildung erkämpft haben, sind Musterbeispiele dafür, dass der Amerikanische Traum jedem offensteht. Auch konservative Amerikaner können sich mit ihnen identifizieren, zumal die jungen Leute ja ohne eigenes Zutun ins Land gebracht wurden. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass auch die Trump-Regierung ihnen einen Weg ebnen wird zu einer dauerhaften Aufenthaltsberechtigung oder gar zur Staatsbürgerschaft.

Die Eltern aber blieben weiterhin in der Illegalität. Auf die Angst vor Abschiebung bei den Kindern folgten ihre Schuldgefühle. "Das würde Familien spalten", sagt Juan Cano. "Wir brauchen einen sauberen Dream Act, der alle elf Millionen Undokumentierten einschließt." Auch Mayra weiß, dass ein amerikanischer Pass für sie allein ein bittersüßes Glück wäre: "Ich bin nicht mehr wert als meine Eltern, nur weil ich ein Zeugnis von einer tollen Uni haben werde." Die ältere Generation der Undokumentierten in den USA, sagt sie, sei nicht weniger schlau. Sie habe nur nie die Chance gehabt, selbst zum Dreamer zu werden.

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