Die Elbphilharmonie ist vieles, kann vieles und will vieles. Wahrzeichen sein, Touristen-Hotspot, Fünf-Sterne-Hotel, Wohnhaus, Aussichtsplattform und Konzerthaus natürlich. Wären in Hamburg zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht dringend neue Räume für Musik nötig gewesen, man hätte gleich eine Besucherplattform in die HafenCity bauen können oder die nächste Luxusherberge zum Wahrzeichen erklären. So aber sortiert sich alles ums Konzertgeschehen herum. Die Philharmonie (frei aus dem Alt-Griechischen: die Liebe zur Musik) ist das Herz des Ganzen. Ohne sie wäre alles andere nicht – und nichts.

Doch wie ist es nach zwölf Monaten um dieses Herz bestellt? Knapp 600.000 Menschen haben bislang die Konzerte in der Elbphilharmonie besucht. Oft scheint es ihnen egal gewesen zu sein, wen oder was sie erlebten: lokale Größen wie das NDR Elbphilharmonie Orchester (das für die nächsten zehn Jahre die Hausmacht hält) oder das Hamburgische Staatsorchester, Exquisites aus Chicago, Amsterdam, Wien und Berlin, Stars wie Anne-Sophie Mutter oder Jonas Kaufmann, den Jazzer Brad Mehldau, die Einstürzenden Neubauten, Vicky Leandros, wer’s mag, Beethovens Neunte beim G20-Gipfel oder Kate & William auf Staatsbesuch. Was für eine schräge Mischung! Der Laden jedenfalls ist immer voll.

Dass der schicke neue Bau auch schicke neue Inhalte provoziert, lässt sich so nicht belegen. Fürs erste Jahr wäre das auch zu viel verlangt. Für die nähere Zukunft aber, erste These, sind die Inhalte existenziell. Gerade weil bis auf Weiteres gilt: Dabeisein ist alles. Es wäre sträflich, diese Chance zu vertun. Die Chance, einen arglosen Touristen oder einen konservativen Musikliebhaber, die beide mehr des Ortes wegen kommen als des Programms, für Ausgefalleneres zu begeistern. Sie sozusagen erst zu ködern (mit der "Elphi") und dann lustvoll zu verführen (mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts). Nur müsste man dieses Repertoire auch verstärkt im Angebot führen, es den zu engagierenden Gästen ebenso abverlangen wie den einheimischen Kräften. Das ist nicht wirklich der Fall.

Natürlich werden jeden Tag Menschen geboren, die Beethovens Fünfte noch nicht kennen, aber das gilt für Bartóks Konzert für Orchester oder Bernd Alois Zimmermanns Photoptosis auch. So zu tun, zweite These, als hätte die Elbphilharmonie die Wahl, zwischen dem einen und dem anderen, zwischen kühn und konventionell verschmockt, ist ein Irrtum. Schon akustisch hat sie diese Wahl nicht. Und im Grunde ist das sogar gut so, man müsste es nur akzeptieren und Schlüsse daraus ziehen. Christoph Lieben-Seutter, der Intendant, sagt es selbst: Die Elbphilharmonie sei nicht – wie der Goldene Saal des Wiener Musikvereins – für Mozart, Haydn und Beethoven erbaut worden, sondern für Mahler, Strawinsky, Schostakowitsch und Messiaen, für die musikalische Moderne also. Wobei die sogenannte alte Musik, alles, was historische Instrumente und Spielweisen erfordert, auch recht gut funktioniert.

Warum die Herausforderung nicht annehmen? Hamburg könnte, selbst wenn es sich das in den Anfangsgründen der Elbphilharmonie anders vorgestellt haben mag, im internationalen Musikgeschäft eine Vorreiterrolle spielen. Es könnte den Beweis antreten, dass die Architektur die Musik bestimmt und nicht umgekehrt (in dem Sinne, dass, ganz gleich wie der umbaute Raum aussieht und aus welcher Zeit er stammt, überall der gleiche Kanon zwischen Beethoven und Bruckner abgenudelt wird). Hamburg würde sich dazu bekennen, dass die Zeiten, da ein Saal alles konnte, definitiv vorbei sind – schon weil das Repertoire mit jedem Tag älter wird und wächst und sich immer weiter ausdifferenziert.

Über den Großen Saal heißt es, er sei akustisch "gnadenlos", er verzeihe nichts, und man höre restlos alles: jedes Bonbonpapierknistern, jeden Hüstler, jeden falschen Ton und jede noch so marginale Nebenstimme. Das ist richtig. Der Saal zeigt, was da ist – und ein jeder/eine jede komponiere daraus, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn, seine/ihre Musik. Lieben-Seutter sagt: Der Saal sei ein Saal des 21. Jahrhunderts. Kein Ort für musikalische Überwältigungsstrategien und autoritäres Pathos also, eher einer für Nüchternheit.

Was der japanische Meisterakustiker Yasuhisa Toyota hier vollbracht hat, dritte These, stellt Hierarchien infrage. Zwischen Haupt- und Nebenstimme, Melodie und Begleitung, Musikern und Publikum. Die helle, betont kühle Akustik der Elbphilharmonie betreibt so etwas wie die Demokratisierung des Hörens. Das bedeutet auch: Sie nivelliert. Alles erscheint gleich wichtig – oder gleich unwichtig. Insofern ist diese Akustik sicher zeitgemäß.