Klar, man sollte mit jedem reden, immer und überall und über alles. Und sicher, man sollte auch "mit Rechten reden", wie es in einem gleichnamigen, unter liberalen Intellektuellen gern gelesenen Buch aus dem letzten Herbst heißt. Wenn man ein liberaler Intellektueller aus einem rot-grün wählenden Innenstadtviertel ist, kann man beim Reden mit echten Rechten vielleicht etwas Neues erfahren. Anders verhält es sich freilich, wenn man ein linker Punkrocker aus einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern ist. "Seit wir Musik machen", sagt Jan "Monchi" Gorkow, "werden wir beschimpft, bedroht, angegriffen. Es gab Buttersäure-Anschläge auf unseren Proberaum und auf mehrere Clubs, in denen wir auftreten wollten. Immer wieder wurden Konzerte abgesagt, weil die Veranstalter zu viel Angst vor Überfällen hatten. Eines Tages prangte mein Gesicht mit gespaltenem Schädel auf Tausenden von Aufklebern, die Nazis gedruckt und verteilt hatten. Vor einer Weile hat jemand eine Axt in meine Motorhaube gehauen."

Seit 2007 spielt Gorkow in der Gruppe Feine Sahne Fischfilet. Am Freitag ist ihr neues Album Sturm und Dreck erschienen. Ein paar Tage vorher treffe ich ihn und den Schlagzeuger der Band, Olaf Ney, in ihrem Stammlokal, einem Döner-Restaurant in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt in Rostock. Insgesamt sind sie sechs, die meisten von ihnen aufgewachsen in vorpommerschen Kleinstädten und Dörfern, die Band haben sie als Schüler gegründet. Am Anfang handelten ihre Lieder in alter Punkrock-Tradition vom Widerstand gegen "den Staat" und "die Bullen". Doch von den plakativen Parolen haben sie inzwischen abgelassen, Sturm und Dreck umkreist vor allem die Frage, wie man sich dort noch zu Hause zu fühlen vermag, wo die Bedrohung zum Alltag geworden ist. "Zuhause heißt, wir schützen uns, alle sind gleich", singt Gorkow in dem Lied Zuhause. Und in Angst frisst Seele auf heißt es: "Wenn alle mutlos sind, halten wir uns fest". Das Stück ist der Linken-Politikerin Katharina König gewidmet. Wegen ihres Engagements gegen örtliche Nazis hatte eine Skin-Band einen Song komponiert, in dem ausführlich ihre Ermordung geschildert wird.

Soll man mit Rechten reden? "Nein, warum denn, welchen Sinn sollte das haben?", fragt Gorkow zurück. "Die lachen doch über Linke, die mit ihnen reden wollen, und arbeiten einfach weiter an der Festigung ihrer Strukturen. Viel wichtiger ist es, die Leute zu stärken, die sich den Rechten entgegenstellen, die haben nämlich fast überhaupt keine Öffentlichkeit mehr. Die gibt es noch, auch in Mecklenburg-Vorpommern, aber es sind wenige, und die sind oft sehr allein." Vor den letzten Landtagswahlen 2016 haben Feine Sahne Fischfilet darum eine Festivalreihe namens "Noch nicht ganz im Arsch" lanciert, "Zusammenhalten gegen den Rechtsruck" lautete der Untertitel. Mit befreundeten Musikern spielten sie in kleinen Dörfern in noch kleineren Gaststätten. Der Höhepunkt war ein Open-Air-Auftritt mit der Toten Hose Campino und dem Rapper Marteria vor zweitausend Menschen in Anklam.

Die Musik von Feine Sahne Fischfilet kann man als Punkrock mit Bläsersätzen beschreiben; besäßen sie etwas mehr rhythmisches Feingefühl, handelte es sich um Ska. Doch rhythmisches Feingefühl ist ihnen ebenso gleichgültig wie stimmliche Qualitäten: "Ich kann immer noch nicht singen", singt Gorkow zutreffend in Alles auf Rausch, der ersten Single auf dem neuen Album, "und spiel jetzt bei Rock am Ring". Die Musik ist ihnen eher Mittel zum Zweck; so haben sie etwas von singenden Sozialarbeitern, Agitatoren und Pädagogen. Nicht selten werden ihre Konzerte von Lesungen und Diskussionsveranstaltungen flankiert.

Für die AfD, die mit 21 Prozent im Schweriner Landtag die zweitstärkste Fraktion stellt, ist die Band ein beliebtes Hassobjekt. Aber auch der CDU-Innenminister Lorenz Caffier kann sie nicht sonderlich leiden. Von 2011 bis 2014 tauchte sie viermal im Verfassungsschutzbericht auf, wegen der staats- und polizeifeindlichen Texte in ihrem Frühwerk, die den Musikern inzwischen – völlig zu Recht – selber unangenehm pubertär vorkommen. "So etwas würden wir heute nicht mehr singen", sagt Olaf Ney, "aber trotzdem ist das schon irre, dass wir deswegen zwei ganze Seiten in dem Bericht bekommen haben, mehr als alle Nazi-Bands im Lande zusammen, und im ersten Jahr auch mehr als der NSU." Zudem wurde die Band observiert, an Gorkows Auto war lange Zeit ein Peilsender angebracht. Darüber informierte ihn der Verfassungsschutz nach Einstellung des Vorgangs 2014 in einem lapidaren Brief. "Da kann man schon paranoid werden", sagt er.

Andererseits hat die Band davon auch profitiert, seit dieser Affäre waren Feine Sahne Fischfilet in aller Munde. Als sie 2012 zum zweiten Mal im Verfassungsschutzbericht auftauchten, bedankten sie sich denn auch unter reger Medienresonanz mit einem Blumenstrauß. 2013 verklagten sie das Amt mit Erfolg, weil ihre Erwähnung mit einem nicht lizenzierten Promofoto illustriert worden war. "Man muss so was immer volley nehmen", sagt Gorkow.