Ja, was sollen wir denn von uns erzählen?, fragt die eine und setzt sich auf den Sessel neben dem Sofa, auf dem die andere sitzt. Doch die weiß auch nichts zu erzählen.

Es schlagen zwei Uhren. Die eine hängt an der Wand. Den Klang, sagt sie, mochten sie nicht so gerne. Aber das Nussholz, ach Gott, es passte gut zur Schrankwand, also nahmen sie sie mit, von Uhren Becker, damals noch am Hauptmann-Platz. Nun schlägt sie schon zwanzig Jahre lang, immer zur vollen, immer zur halben Stunde. Die andere, golden, steht im Regal. Sie hat einen wunderbaren ..., ach, was rede ich, sagt sie, sie hatte ..., nun schlägt sie nur noch leise, aber seit sie beim Uhrmacher war, schlägt sie zumindest.

Der Rest ist Stille.

Der Plattenspieler im Nussholzregal, unterstes Fach rechts, läuft nicht mehr. Daneben, unterstes Fach links, die Platten: Beethoven, Mondscheinsonate; Haydn, Symphonie Nr. 94 G-Dur mit dem Paukenschlag; Chopin, Mozart. Es waren viel mehr, das meiste hat sie weggegeben, was soll sie mit den Platten, sie hört sie nicht, sie kann nicht, da geht zu viel in ihr vor.

Früher waren sie oft in Konzerten. Sogar in Verona sind sie gewesen, Verdis Nabucco, draußen in der Arena, Mondschein, dann der Gefangenenchor, im Publikum hatte jeder eine Kerze, alle fassten sich an den Händen, ob man sich kannte oder nicht. Aber seit der Krankheit, nein, das könne sie nicht, keine Musik, sie würde nur anfangen zu weinen.

Seit mehr als fünfzig Jahren leben sie in dieser Wohnung im Hamburger Osten. Sie sitzt im Sessel und sagt: Hier spielt sich nichts mehr ab. Die andere, auf dem Sofa, sagt nichts. Die im Sessel: Ich muss zugeben, wenn ich wütend bin, habe ich schon den Gedanken: Soll sie doch gehen. Doch dann schau ich sie an und frag mich, wo sind all die Jahre hin? Ich kann sie nicht irgendwo hingeben, hier ist ihr Zuhause, auch wenn wir kaum reden. Wir reden nur, wenn ich sie anspreche. Sag mal, Frieda, wie alt bist du?

Ich weiß das nicht, Käthe.

Wann bist du denn geboren?

1925.

Ja und nun? Rechne mal.

Geht nicht.

92 bist du.

Aha, guck an.

Das ist doch keine Unterhaltung, oder?, sagt Käthe im Sessel.

Nee, sagt Frieda auf dem Sofa.

Ich bin drei Jahre jünger, 89, sagt Käthe. Und mir ist wurscht, wie alt ich werde, ob 90 oder nicht. Frieda bleibt hier, solang ich Kraft habe, wer weiß, wie lang noch. Ich muss das tun. Ich bin jetzt gefordert, ich kann nicht sagen: Och, ist mir aber unangenehm.

Früher, als Käthe viel Kummer hatte, half ihr Frieda. Nun, wo Frieda Kummer hat, das aber nicht weiß, hilft ihr Käthe.

Wie ist der Tagesablauf?

Ach, traurig, sagt Käthe. Ich steh um kurz vor halb sieben auf, wasch mich, bereite das Frühstück vor, für jeden eine halbe Banane, Brot isst sie nicht mehr, also gibt es Zwieback. Dann steht sie auf, was sie nicht gern mag, dann wasch ich sie, was sie noch weniger gern mag, anziehen auch nicht. Das ist nicht ganz so ’ne Stunde, manches Mal geht’s gut, manches Mal nicht, dann wehrt sie sich, schreit, auch mal laut. Dann frühstücken, meist will sie nichts trinken, das ist eine Tortur, sie muss doch was trinken, und wenn wir das geschafft haben, ist es friedlich. Ich wasch ab, mach die Betten, und sie geht ins Wohnzimmer, setzt sich, blättert und guckt sich immer wieder die Bild an. Früher hat sie so was nicht gelesen, nun hat sie auch, wie heißt das noch, ich muss erst mal gucken: Neues Blatt und Freizeitwoche. Früher las sie Bücher, Fachliteratur, Medizin, so was hier nur beim Friseur. Na ja, wohl wegen der Bilder mag sie das, vor Monaten wollt ich es ihr noch ausreden, tu ich nicht mehr. Wenn ich was einkaufen muss, kriegt sie ein Bonsche in den Mund, und wenn ich eine Stunde später wiederkomme, sitzt sie noch immer friedlich auf dem Sofa, Stunden kann sie so verbringen. Mittagessen: bescheiden, Kartoffeln mit Quark, Blumenkohl, auch mal Schweinefilet mit Sahnesauce, viel kann ich nicht mehr machen, ich muss ja auch noch Ordnung halten, waschen, bügeln, ich will keinen hier haben und mache lieber alles allein. Sie guckt dann zu, ich geb ihr aber auch mal was zu tun. Neulich machte ich die Lampe sauber, stand auf der Leiter, reichte ihr die Glühbirne runter, danach ein Staubtuch, schön abwischen, sagte ich, und dann musste sie mir die wieder anreichen. Nach dem Mittag geht Frieda ins Bett, schläft, richtig fest, ich lege mich im Wohnzimmer hin. Um halb zwei, zwei stehen wir auf, Tasse Tee, Pralinchen oder ein paar Kekse, bisschen Fernsehen gucken, Polizeisendungen oder Tiersendungen. Abendbrot, keine Wurst, nur Käse, Obst und einen halben Pudding für jeden. Ab halb sechs, sechs möchte sie ins Bett, schläft aber nicht. Ich lehn die Tür zum Schlafzimmer an, sie liegt da und wartet, bis ich komme. Das ist um halb acht, acht. Ihr Bett steht nah am Schrank, meines nah am Fenster, die Entfernung reicht gerade so, dass wir uns von Bett zu Bett an den Händen fassen können. Wir strecken sie aus, drücken, sagen Gute Nacht. Das machen wir schon immer so, aber früher strickte ich noch, und Frieda las. So früh gingen wir nie ins Bett. Nun ist es so, ein eintöniger Tag, sagt Käthe.

"Gib mir mal deine Hand"

Sie schaut zum Sofa: Wie aufmerksam sie mich ansieht! Das macht sie oft. Was sie wohl denkt? Frieda, hallo, gib mir mal deine Hand.

Frieda streckt ihr die Hand entgegen, als hätten sie es geprobt.

So macht sie das abends, und ich nehme die Hand, sagt Käthe und nimmt nun Friedas Hand. Sie soll merken, dass jemand da ist. Das ist Freundschaft, denk ich, eine Freundschaft beginnt doch erst, wenn Situationen wie diese sind. Man darf nicht nur annehmen und nichts geben.

Frieda schaut Käthe an, als dürfe sie kein Wort verpassen. Ich frag mich immer, sagt Käthe: Was geht in ihr vor?

Frieda nickt.

Guck, du nickst ja, Frieda.

Jau, sagt Frieda.

Es ist doch wichtig, sagt Käthe, dass jemand da ist, der dich gerne hat, nicht nur schimpft, nech?

Schimpfen ist nicht gut, sagt Frieda.

Aber ich schimpf oft mit dir, ne?

Aber so oft nun auch wieder nicht, Käthe.

Nein?, fragt Käthe.

Da würdest du auch nur traurig sein, sagt Frieda.

Käthe lacht auf, ganz leicht, und dreht berührt den Kopf zur Seite. Noch immer halten sie sich an den Händen.

Ich kann natürlich noch viel erzählen, sagt Käthe und löst sanft ihre Hand aus Friedas, aber nur wenn es nicht in eine Klatschzeitung kommt und nur wenn nachher keiner sagt: Ach, guck mal an, die Käthe und die Frieda. Wir wissen doch, wie Leute sein können, sagt Käthe: ganz schön gehässig. Käthe, die wie Frieda in Wahrheit anders heißt, steht auf und kommt mit zwei Alben wieder. Das Schönste, sagt sie, ich vermiss es oft, waren die Tage in der Natur. Sie schlägt auf: Hier, das Wanderbuch mit den Bergstempeln. Die Berge, das liebten wir, Bergwandern, aber tüchtig. Bis auf 3000 Meter rauf und wieder runter. Ich wollte immer auf den Berg, sagt Käthe, vor dem Gipfel konnte ich oft nicht mehr, und Frieda mahnte: Du hast gesagt, du willst, jetzt musst du auch.

Das kenn ich auch noch, sagt Frieda jetzt.

Hatte sie ja recht, spricht Käthe weiter, umkehren wäre schlimmer gewesen.

Frieda lacht.

Frieda, sagt Käthe, hat keine Erinnerungen mehr.

Beim Stanglwirt sahen sie vom Café aus in den Kuhstall, auf einer Hütte tranken sie Obstler und sangen Lieder, in Seefeld beobachteten sie Tiere, und Frieda flüsterte: Guck, wer neben dir steht. Käthe schaute sich um: Ein Reh lief weg.

Während Käthe erzählt, lehnt sich Frieda nach vorn, Ellenbogen auf die Oberschenkel, ihr Blick fokussiert auf den Tisch, zehn Fotos. Käthe vor dem Trevi-Brunnen, Frieda vor dem Trevi-Brunnen, Frieda bei Käthe untergehakt, mit Wollmützen, auf Kur in Salzdetfurth.

Guck, sagt Käthe, nun beschäftigt sie sich.

Frieda schiebt die Fotos nebeneinander, übereinander, holt eins von rechts, legt es nach links. Tief versunken sieht sie aus, als löse sie ein Rätsel, dessen Logik allein sie kennt.

Was denkst du über die Bilder?, fragt Käthe.

Frieda schaut kurz auf und sortiert weiter.

Weißt du noch, dass du zwei-, dreimal zur Kur warst?

Hmm, sagt Frieda. Da bin ja ich.

Was sagst du, Frieda?

Das bin ich, wiederholt Frieda und zeigt auf ein Bild.

Aber Frieda, sagt Käthe, das bin doch ich. Das bist nicht du.

Doch.

Nein.

Doch. Frieda lacht.

Was geht nur in ihr vor?, fragt Käthe.

Sie wollten noch viel reisen und sparten die Rente. Auf einmal war es vorbei, schlagartig. Ich weiß gar nicht, wie es anfing, sagt Käthe, zwei Jahre sind es nun, vielleicht auch drei, vielleicht war es schon im Urlaub, als ich sie immer erinnern musste: Frieda, nun steigen wir aus dem Zug aus, und ich allein das Gepäck mitnahm. Sie dachte sich erst nichts. Im Alter, sagt Käthe, vergisst man was. Sie selbst auch, mal einen Namen, dann sagt sie sich das Abc auf und kommt wieder drauf. Ich dachte, sagt Käthe: Mein Gott, Frieda, reiß dich zusammen.

Was vergaß Frieda noch?

Nee, wirft Frieda ein, vergessen tut sie nichts.

Namen vor allem, sagt Käthe, und sie fragte immer: Wer war das? Und ich sagte: Aber Frieda, das war doch der Herr Sowieso, kennst du doch.

Ich lass hier doch nichts liegen!, sagt Frieda nun bestimmt.

"Wir werden für Schwestern gehalten"

Es kann schnell gehen, sagt Käthe, auch mit mir. Neulich im Bus, eine Vollbremsung. Ich wurde durch den Bus geschleudert, nicht immer geht das gut aus. Käthe steht auf und kommt mit einem laminierten Zettel wieder, den sie immer bei sich trägt: Sollte ich einen Unfall haben, bitte dringend um Frau Frieda Funke kümmern. Frau Funke leidet unter schwerer Demenz!

Frieda ist nicht mehr die Alte, sagt Käthe, damit find ich mich nicht ab. Doch neulich, Käthe wird mit einem Mal ganz aufgeregt: Sie ging ins Schlafzimmer. – Puddel, schläfst du schon? Nein, sagte Frieda und setzte sich auf. Sie nahm Käthes Gesicht zwischen ihre Hände, streichelte über die Wangen, schaute sie lange an: Käthe, du bist so lieb zu mir.

Das, sagt Käthe, gab mir so viel Kraft. Frieda, weißt du noch?

Hmm, sagt Frieda.

Hast du mich gern oder magst mich nicht?

Natürlich mag ich dich, sagt Frieda. Was hast du denn von mir erwartet?

Das habe ich erwartet, sagt Käthe.

Das muss man auch mal wissen.

Frieda, weißt du, wie du mich manchmal nennst?, fragt Käthe. Ich sag Puddel, du Puschel, und was sagst du noch? Weil Frieda zögert, flüstert Käthe ihr es ins Ohr.

Mein Herzi, spricht Frieda nach und grinst.

Ja, sagt Käthe.

Ein kleines Herzi hast du. Oder du bist sogar ein Herz, da bin ich ehrlich. Was bin ich denn in deinen Augen?

Du bist meine Freundin, und auch mein Herzi, sagt Käthe.

Na gut, sagt Frieda. Kommt alles irgendwie hin.

Bis heute, sagt Käthe, werden wir für Schwestern gehalten. Immer, wenn die Leute es sagten, dachten wir: Die haben doch ’nen Stich.

Frieda gluckst.

Als sie noch Schwester Käthe war, erinnert sich Käthe, lernten sie sich kennen. 53, 54, 55 Jahre ist es her, so genau weiß sie es nicht mehr. Schwester Käthe, sagte ihre Vorgesetzte im Krankenhaus zu ihr, bald fängt eine neue Oberschwester bei uns an, sie sieht aus wie Sie, Sie könnten Schwestern sein. Frieda wirkt, als höre sie nun aufmerksam zu. Eine dolle Schwester war Frieda, sagt Käthe, zu jedem freundlich, zurückhaltend, wusste aber immer, was sie wollte. Ich dachte schnell, die würde ich gern zur Freundin haben.

Das erste Mal trafen sie sich am Abend an der Alster, gingen einmal rum und siezten sich. An einem freien Tag fuhren sie mit dem Auto ins Grüne, Frieda, die immer ledig war, kam zu Käthe, die verheiratet war, nach Hause, zu dritt aßen sie zu Abend. An einem 21. März entschieden sie: Wir sind jetzt richtige Freundinnen. Jedes Jahr feierten sie diesen Tag. Und einmal, sagt Käthe, schenkte ich Frieda einen Ring, den Trauring meiner Mutter, mit einem Rubin und zwei kleinen Diamanten, die habe ich einsetzen lassen. Käthe greift ins rote Schmuckkästchen. Innen eine Gravur: Käthe 21.3.1966.

Darf ich mal?, sagt Frieda.

Das ist deiner.

Meiner?

Ja.

Frieda zieht ihn über den Ringfinger: Och, den hab ich wirklich gut aufgekriegt. Passt sehr gut.

Vor ein paar Wochen, an einem Nachmittag, schauten sich Käthe und Frieda im Fernsehen eine Gerichtsverhandlung an. Es ging um einen Einbruch in einer Kirche. Um es kurz zu machen, sagt Käthe: Der Pastor zeigte zwei Männer an, Homosexuelle, sie waren durch ein Kirchenfenster eingedrungen, hatten weder was verwüstet noch gestohlen, es ging ihnen nur darum, in die Gesangsbücher Abhandlungen zu legen, alles, was sie wollten, war mehr Verständnis. Mir, sagt Käthe nun ein wenig aufgebracht, ist jeder Mensch gleich viel wert, jeder soll doch leben, wie er will. Auch ich wurde von der katholischen Kirche mal sehr enttäuscht, meinen Glauben hab ich noch, aber ich gehe nicht mehr hin. Seit damals nicht, als ich meinen seelischen Kummer hatte. Ich fragte einen Geistlichen um Rat, und was tat er? Machte mich fix und fertig. Ich hatte ihm erzählt, was man im Krankenhaus über uns redete, man war der Meinung, wir seien lesbisch, und er: Aber wenn Sie es doch sind! Beten Sie. Ich sagte: Ich bin es nicht, ich bete nichts, kein Vaterunser, kein Ave-Maria, ich gehe jetzt.

"Käthe, du springst nicht."

Es hat ganz leise angefangen. Die Menschen sind ja feige, nech, sagt Käthe. Auf einmal hörten sie: Oberschwester Käthe und Schwester Frieda umarmen und küssen sich im Dienstzimmer. Käthe richtet sich in ihrem Sessel auf: All so ein Mist!, schimpft sie. Wir beide haben uns doch nur gut verstanden, wir hatten keine sexuellen Gefühle füreinander, ich habe dahin keine Neigung, hatte ich nie. Am Abend, sagt sie und schaut Frieda an, kriegt sie mal ein Küsschen auf die Wange, damit hat sich’s.

Können Sie mir bitte sagen, fragte Schwester Käthe damals eine der Oberschwestern, wer so was erzählt? Nein, habe die Oberschwester geantwortet, könne sie nicht, alle erzählten es.

Käthe, wütend: Also, das war ja wohl das Geschmackloseste überhaupt!

Sie fragt sich noch immer, ob es Neid war. Auf die Freundschaft zu Frieda? Auf ihren Mann, einen Pfleger, der bei allen im Krankenhaus beliebt war?

Mein Mann, sagt Käthe mit rauer Stimme, hat mich sehr enttäuscht. Er ließ sich einwickeln von den anderen, hörte auf das Geschwätz. Frieda ging bei uns ein und aus, er bekam alles mit, und auf einmal glaubte er, ich sei andersherum. Warum? Wir waren 17 Jahre verheiratet, das hätte er doch merken müssen, 17 Jahre, das gibt man doch so schnell nicht auf.

Sie versuchten zu reden, monatelang. Käthe fragte: Wie denkst du nun darüber? Und er: Weiß ich nicht.

Er ist tot, sagt Käthe, über ihn schlecht reden will ich nicht und auch nicht viel über diese Sache. Ihre Stimme, heiser, bricht fast weg, sie räuspert sich. Das ist immer so, wenn ich über diese Sache spreche, gleich kann ich gar nicht mehr reden. Ich will nur sagen: Man tat uns großes Unrecht, wir hatten großen Kummer. Wenn Menschen schlecht reden ..., Käthe bricht den Satz ab. Man kann es sich nicht vorstellen, wir hielten es nicht aus.

Käthe und Frieda kündigten im Krankenhaus. Dann, kurz nach Weihnachten, schmerzte Käthes Herz. Ein Infarkt? Nach einigen Untersuchungen sagte die Ärztin: Sie können gehen, aber die Angst springt Ihnen aus den Augen. Ich hatte doch gedacht, ich sei nur traurig und enttäuscht, sagt Käthe. Ein paar Tage später stellte ein Psychiater fest: schwere Depression.

Dass ich hier noch sitze, habe ich ihr zu verdanken, sagt Käthe auf dem Sessel und schaut zu Frieda auf dem Sofa.

Käthe zog bei ihrem Mann aus und bei Frieda ein. Sie schlief auf dem Sofa, in dem Zimmer, in dem sie nun sitzen. Wenn Frieda aufstand, achtete sie darauf, dass auch Käthe aufstand, sich anzog und etwas trank. Dann setzte sie Käthe in den Sessel. Und da, sagt Käthe, saß ich abends noch, wenn Frieda von der Arbeit kam. Sie ahmt nach, wie das ausgesehen hat: senkt die Lider, lässt die Glieder schlaff von sich hängen, als sei mit einem Mal alle Kraft aus ihr entwichen.

In der Nacht stand Käthe auf, nur vier, fünf Schritte waren es, sie öffnete das Fenster, spürte den Wind und Frieda hinter sich: Käthe, du springst nicht.

Ich wollte nur sterben. Jede Nacht wollte ich aus dem Fenster springen, sagt Käthe.

Du wolltest aus dem Fenster springen?

Ja, Frieda, das weißt du doch.

Das, sagt Frieda, ist aber auch eine traurige Sache.

Zwei Jahre war Käthe krankgeschrieben. Dann ein Termin bei ihrer Arbeitsstelle. Vor ihr saßen ihre Vorgesetzten und hielten ihr einen Auflösungsvertrag hin. Käthe, voll mit Medikamenten, unterschrieb. Ich dachte, alles ist verloren, sagt Käthe, und Frieda meinte: Macht nichts. Wir gehen weniger essen und nicht mehr so viel in die Oper. Du machst den Haushalt, ich verdien das Geld.

In welcher Freundschaft, fragt Käthe, gibt es so was?

Frieda schaut sie mit weit aufgerissenen Augen an.

Frieda, deine Augen fallen bald raus!

Meinst du?

Nach alldem, sagt Käthe, hab ich doch eine Verantwortung. Ich kann sie nicht allein lassen, selbst wenn sie nicht immer weiß, wer ich bin. Dann, an Frieda gewandt: Wer bin ich?

Käthe, sagt Frieda.

Und mit wem wohn ich zusammen?

Na, mit mir.

Und wer bist du?

Weißt du das denn nicht?

Wie du heißt, will ich wissen, sagt Käthe.

Na, Frieda, sagt Frieda.

Ach so.

Das weiß sie also nicht, sagt Frieda und schüttelt den Kopf. Na ja, jetzt hat sie wohl auch mal was vergessen.

Seit einigen Monaten ist Frieda zweimal in der Woche bei der Tagespflege. Das erste Mal, als sie fuhr, morgens halb zehn, stand Käthe am Fenster und heulte. Wir waren doch immer zusammen, sagt Käthe. Wenn sie wiederkommt, am späten Nachmittag, wird Käthe eine halbe Stunde vorher unruhig, sie schaut aus dem Fenster, schaut auf die Uhr. Ist sie zurück, fragt Käthe: Und, Frieda, was habt ihr Schönes gemacht? Nie gibt Frieda eine Antwort. Früher erzählten wir uns doch immer alles, sagt Käthe.

"Ich kann sie nicht weggeben"

Vor Kurzem ging sie einmal mit in die Tagespflege. Sie war gespannt, wie sich Frieda gibt, von den Mitarbeitern hatte sie nur Gutes gehört: Frieda singe Volkslieder mit, Frieda spiele unter Anleitung Mensch ärgere Dich nicht. Dann sah Käthe ihr zu, wie sie am Tisch zwischen Männern und Frauen saß, sich unterhielt. Zufrieden wirkte sie, nicht als ob sie Käthe vermisst. Mit der Leiterin der Einrichtung fuhr Käthe ein Stockwerk höher, in eine Wohngruppe Demenzkranker. Die Menschen, sagt sie, waren kränker als Frieda, das konnte ich nicht verarbeiten. In diesem Moment sah ich Friedas Ende. Ich fing an zu zittern, ich musste raus. Käthe nahm den Bus, die Tränen stoppten nicht. Zu Hause wartete sie auf Frieda. In ihrem Tagebuch notierte sie: Ich habe einen seelischen Schock bekommen. Gut, dass meine Frieda noch zu Hause sein kann.

Sie kann ja nichts dafür, sagt Käthe, ich darf doch nicht denken, bald ist Schluss.

Nee, sagt Frieda, das soll man auch mal lassen, nech.

Es ist schwer, sagt Käthe, vor allem nachts, wenn Frieda aufwacht, auf Toilette muss, sich nicht wieder hinlegen will. Oder morgens, wenn sie schreit, weil sie nicht gewaschen werden will: Auuuuua. Ich schrei auch mal zurück, sagt Käthe: Frieda, was soll das? Ich bekomm ja Angst, denn wenn sie was nicht will, entwickelt sie große Kraft. Manchmal wehrt sich Frieda, die immer ruhig und gelassen war, mit einer Faust, und Käthe schafft schnell noch, ihren Arm festzuhalten.

Und wenn es noch so dumm ist, sagt Käthe, ich kann sie nicht weggeben. Nur weil sie mal laut ist und bockig?

Frieda horcht auf. Wo wolltest du mich hingeben?

In ein Heim, sagt Käthe.

Mich?, fragt Frieda.

Ja, willst du nicht?

Hmm, sagt Frieda. Schweigt einen Moment. Merkt sie schon, dass ich das gar nicht will.